Irdischer und himmlischer Wein


Joh 2, 1-10 berichtet von der Hochzeit zu Kana, zu der Jesus eingeladen war. Als der Wein ausging, half er dem Gastgeber aus, indem er Wasser in Wein verwandelte. Ein katholischer Priester legte diese Begebenheit in seiner Predigt so aus, dass Jesus nichts gegen irdische Genüsse habe, ja sie sogar in gewisser Weise unterstütze. Die Auslegung geht wegen ihrer Banalität vollständig am Wesenskern des Wunders vorbei, wie mir jetzt auffällt.

Der von Jesus verwandelte Wein ist besser als der vorher servierte und veranlasst den für die Organisation Verantwortlichen gegenüber dem Bräutigam zu folgender Aussage: „Jeder bringt doch zuerst den guten Wein auf den Tisch, und wenn die Gäste schon reichlich getrunken haben, folgt der schlechtere. Aber du hast den guten Wein bis zuletzt aufgehoben.“ Dies bedeutet für den Bräutigam Christus, dass zur himmlischen Hochzeit mit seiner Kirche zuerst der irdische Wein und dann der himmlische serviert wird. Insofern ist es entgegen der Auslegung des Priesters unklug, sich auf Erden zu berauschen und zu betrunken für den himmlischen Genuss zu sein.

Gute Nachricht Bibel


Ich bin auf eine interessante Bibelübersetzung gestoßen, die Gute Nachricht Bibel. Die Sprache wird einfach gehalten und verzichtet auf liturgische Formeln. Hierdurch liest sich die Bibel flüssig. Die Übersetzung ist ein ökumenisches Projekt der evangelischen Bibelgesellschaften und der katholischen Bibelwerke von jeweils Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Die Ausgabe der deutschen Bibelgesellschaft ist mit verschiedenen Lesehilfen ausgestattet. Es gibt ein ausführliches Glossar, im Text weisen Sternchen auf die dort aufgenommenen Begriffe. Zwei farbige Karten vom alt- und neutestamentlichen Israel verorten die Heilsgeschichte, eine Zeittafel gibt ihre wichtigsten Daten an.

Überrascht hat mich der Vergleich mit der katholischen Einheitsübersetzung von 1980 beim Buch Kohelet. So heißt es dort in Koh 1,14: „Das ist alles Windhauch und Luftgespinst.“ In der Gute Nachricht Bibel lese ich „Alles ist vergeblich. Es ist, als jagtest du dem Wind nach.“ Als Katholik bin ich mit der ersteren Formulierung groß geworden und finde sie sehr lyrisch. Zuerst dachte ich, dass die Gute Nachricht Bibel aus Gründen der Vereinfachung die lyrische Dimension vernachlässigt. Als ich in der Elberfelder Bibel, die sehr wörtlich übersetzen soll, die Formulierung „alles ist Nichtigkeit und ein Haschen nach Wind“ fand, wurde ich eines Besseren belehrt. Die Erkenntnisse textkritischer Analysen werden – zumindest in diesem Beispiel – berücksichtigt und es wird gleichzeitig auf Lesbarkeit Wert gelegt.

Gelungen ist im Hohenlied der Liebe die Ergänzung der Rollen. Im Originaltext wechselt das Ich ohne textuelle Unterstützung; der Leser muss es sich selbst erschließen. In der Gute Nachricht Bibel werden ein „Sie“ und „Er“ ergänzt und dieses Buch ließt sich wie ein szenischer Dialog.

Ich bin nach der Lektüre von Kohelet und Hohemlied sehr angetan von der Gute Nachricht Bibel und bin auf weitere Entdeckungen gespannt.

Gute Nachricht Bibel. Deutsche Bibelgesellschaft. ISBN 978-3-438-02903-4, andere Ausgaben erhältlich.

Hinweis für die Katholiken: Nach evangelischer Lesart, die bei der Gute Nachricht Bibel übernommen wird, sind verschiedene Bücher des Alten Testaments wie das Buch Judit Apokryphen. Daher sind diese Bücher nicht Teil der Grundausstattung. Wer auf die Vollständigkeit der Bücher, wie er sie von der Einheitsübersetzung kennt, Wert legt, muss die Gute Nachricht Bibel in der Fassung „Mit den Spätschriften des Alten Testaments (Deuterokanonische Schriften/Apokryphen)“ kaufen.

Der Heilige Martin wird 1700


Mein Namenspatron wird in diesem Jahr 1700 Jahre alt. Nach dem aktuellen Forschungsstand wurde der Heilige Martin von Tours 316 geboren. Verlässliche biografische Daten gibt es allerdings kaum. Die wichtigste Quelle ist die Heiligenlegende seines Schülers Sulpicius Severus.

Verehrt wird Martins Vita unter anderem für Folgendes:

  • Er half den Armen.
  • Er vollbrachte wundersame Heilungen.
  • Er gründete das erste Kloster in der abendländischen Kirche.
  • Er wählte freiwillig Armut und Keuschheit als Lebensform.
  • Er bekämpfte den Teufel.
  • Er trieb die Christianisierung im heutigen Frankreich voran (wenngleich auch mit Gewalt und Zerstörung von Kulturgütern).

Alles in allem ist der Heilige Martin eine herausragende Persönlichkeit. Martins Verehrung ist jedoch kein Personenkult, sondern die Verehrung von Gottes Werke, die in Martins Biografie sichtbar wurden.

Kirchliche Gemeinschaft mit den Anglikanern


Vor sieben Jahren am 4. November 2009 unternahm Papst Benedikt XVI. einen bemerkenswerten Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung der anglikanischen Kirche. Er erließ eine apostolische Konstitution, die Anglikanern den Eintritt in die „volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche“ ermöglichte, ohne dass sie ihre liturgischen Traditionen aufgeben mussten. Papst Benedikt würdigte damit das Drängen von anglikanischen Gruppen, die Einheit der Kirche wiederherzustellen, als Wirken des Heiligen Geistes.

Papst Benedikt ließ sogenannte Personalordinariate zu. Ordinariate sind für gewöhnlich ortsgebunden. Diese Ordinariate werden jedoch im Einflussbereich einer Bischofskonferenz, also überregional angesiedelt. Mitglieder der Personalordinariate sind ehemalige Anglikaner oder Katholiken, die wie beispielsweise ihre Kinder die Initiationssakramente innerhalb der Personalordinariate empfangen haben. In den Personalordinariaten ist ein eigenes Messbuch, das anglikanische Traditionen übernimmt, zulässig, soweit es vom Heiligen Stuhl approbiert wird. Der Primat des Papstes und der Katechismus müssen anerkannt werden, sodass eine Einheit in Glaubensfragen sichergestellt ist. Eine augenfällige Abweichung von der bisher gewohnten Tradition ist die Möglichkeit einer Dispens des Papstes für vormalige anglikanische Priester, die verheiratet sind, vom Zölibat, sodass sie die Weihe zum katholischen Priester empfangen können. Damit gibt es überraschenderweise verheiratete katholische Priester, wenngleich nur in dem Ausnahmefall der Personalordinariate.

Persönliche Schlussfolgerung

Die Personalordinariate halte ich in mindestens zweierlei Hinsicht für bemerkenswert.

Zum ersten. Nach der Reformation vor 500 Jahren entwickelte sich die Kirche zur Konfession der katholischen Kirche. Die katholische Kirche grenzte sich von den Reformatoren ab und widersprach damit unfreiwillig dem eigenen Anspruch, die heilige, katholische und apostolische Kirche aus dem Glaubensbekenntnis zu leben und zu sein. Mit der apostolischen Konstitution scheint sich diese Hartleibigkeit zu verlieren und eine Rückkehr zu dem einen Leib Christi besser möglich zu sein.

Zum zweiten. Unterschiedliche liturgische Formen widersprechen nicht der Kircheneinheit. Dies bedeutet, dass mehr liturgische Formen als bisher möglich sind. Ergänzungen in den Formen sind, wie ich bei meiner Inventur der Sakramente entfaltet habe, für das Bußsakrament dringend erforderlich. Die Ohrenbeichte ist für viele, die den Missbrauch des Beichtgeheimnisses erlebt haben, nicht zumutbar. Aber auch die Messfeier mit der sehr starken Betonung des Opfercharakters kann durch die Vertiefung anderer Geheimnisse von Jesu Kreuzestod den Katholiken den Empfang der Kommunion erleichtern.

Merkel lenkt ab


Ich mag den Satz „Wir schaffen das.“ nicht. Wegen seiner Vieldeutigkeit ist er durch und durch populistisch. Merkel lenkte und lenkt mit ihm von ihrem Versagen ab. Die Vielzahl an Flüchtlingen hatte die Bundesregierung überfordert. Sie mussten monatelang überhaupt auf eine Registrierung warten, was ein erhebliches Risiko nicht zuletzt für die Flüchtlinge selbst darstellte. Denn wie sollen sich Flüchtlinge ohne Papiere an die Polizei wenden, wenn sie Opfer von Verbrechen werden? Die Polizei war selbst nach erfolgter Registrierung mit dem Schutz der häufig improvisierten Flüchtlingsheime überfordert.

Für ihre Aufgaben hatten Merkel und die Landesregierungen genügend Zeit, sich vorzubereiten. Die schiere Masse an verfolgten Menschen im Nahen Osten kann keinem Politiker entgangen sein. Ich kritisiere nicht, dass die Flüchtlinge aufgenommen wurden. Auch die große Anzahl an Asylanträgen ist bezogen auf die wirtschaftliche Stärke Deutschlands angemessen; es ist ist eine noch umfangreichere Aufnahme von Schutzsuchenden möglich. Ich kritisiere, dass sich Merkel erst dann gekümmert hat, als die Flüchtlinge bereits da waren. „Wir schaffen das.“ fordert das Vertrauen in eine Bundesregierung ein, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat; eine regelrechte Unverschämtheit.

Feindesliebe


Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen. (Mt 5, 44)

Die Christen gehören derzeit zur weltweit wohl am stärksten verfolgten Religion. Dennoch finden sich viele Christen, die für ihre Feinde beten. Bespielsweise regte eine französische Facebook-Gruppe Gebete um die Bekehrung von IS-Terroristen an, die mittlerweile auch in anderen Sprachräumen aufgegriffen werden.

Wenn Christus zur Feindesliebe auffordert, wirkt dies befremdlich. Ist ein Mensch dazu überhaupt in der Lage? Heucheln Christen eine Supermoralität?

Aus eigenen Kräften ist ein Mensch tatsächlich nur in wenigen Ausnahmefällen zur Feindesliebe imstande. Die Feindesliebe ist eine Gebetsform, damit Christus das vollendet, was menschliche Unvollkommenheit vielleicht noch nicht einmal zu beginnen vermag.

Die Feindesliebe macht uns frei davon, Anschläge mit Hass zu vergelten. Wir vertrauen Gott in den Stunden unserer Verfolgung, dass wir das Heil unserer Taufe nicht verlieren und dass Christus es für die noch nicht Getauften bewirken kann.

Konstruktive Mathematik


Wenn viele Menschen mit der Mathematik ihre liebe Not haben, so liegt dies sicherlich auch an der Unanschaulichkeit der Disziplin. Gute Mathematiker sehen zwar eine geistige Welt, deren überwältigende Schönheit sie als so plastisch wie einen Stuhl empfinden. Dennoch handelt es sich nur um eine geistige Welt, die für die mathematischen Laien häufig – nicht zwangsläufig – unzugänglich bleibt.
Es gibt neben der üblichen, „klassischen“ Art Mathematik zu betreiben, eine konstruktive. Konstruktive Mathematiker beschränken sich bei den Methoden der Beweisführung. Ein Beweis wird nur dann als gültig erachtet, wenn er nach einer endlichen Zahl von Rechenschritten zum behaupteten Ergebnis führt; gewissermaßen kann man sich ein Computerprogramm vorstellen.

Der konstruktive Mathematiker sieht eine Existenzaussage daher nur für richtig an, wenn er ein Computerprogramm kennt, das nach endlich vielen Schritten das Objekt konstruieren kann. Der klassische Mathematiker hingegen erlaubt den Beweis auch indirekt. Wenn die Nicht-Existenz zu einem Widerspruch führt, dann muss es solch ein Objekt geben. Mit der indirekten Beweisführung kann aber nicht angegeben werden, wie dieses Objekt aussehen muss.

Überwindet die konstruktive Mathematik die Unanschaulichkeit? Ich habe zwei Bücher konstruktiver Mathematiker angelesen. Die Beweisführung und die angeführten Konstruktionen sind nach meinem Eindruck zu schwerfällig, um anschaulich zu sein. Polemisch formuliert: Wer sich einen Computer mit mathematischen Fertigkeiten vorstellt, sieht nur einen Kasten. Worum es sich handelt, kann ich eigentlich nur im Lichte der klassischen Mathematik erkennen. Die klassische Mathematik kennzeichnet eine klare und elegante Beweisführung, die die Idee vermittelt.
Die meisten konstruktiven Mathematiker arbeiten methodisch so, dass sie der klassischen Mathematik nicht widersprechen. Sie vermeiden also den vollständigen Bruch mit der klassischen Mathematik. Zwar lehnen sie einige klassische Aussagen ab, wenn diese nicht konstruktiv sind. Sie behaupten aber nicht das Gegenteil, sondern lediglich dass sich solche Aussagen konstruktiv weder beweisen noch widerlegen lassen.

Der Fairness halber sollen aber auch die Meriten der konstruktiven Mathematik genannt werden. Sie erleichtert die praktische Umsetzung mathematischer Erkenntnisse in Computerprogrammen. Sie schärft das Bewusstsein, dass kurze und elegante Beweise kein Selbstzweck sind. Sie hält auch einige schöne Überlegungen bereit, welche mathematischen Aussagen nicht konstruktiv sein können. Beispielsweise werden in der konstruktiven Mathematik sogenannte Prinzipien der Allwissenheit abgelehnt. Kann man zeigen, dass eine mathematische Aussage „allwissend“ macht, so ist sie nicht konstruktiv. Dies sind Momente, in denen ich mich als klassischer Mathematiker beim Genuss der verbotenen Frucht ertappt fühle.

Persönliches Fazit

Die klassische Mathematik ist zu schön, um aufgegeben zu werden. Die konstruktive Mathematik wird zumeist als Teil der klassischen Mathematik verstanden. Insofern ist der Erkenntnisgewinn der konstruktiven Mathematik im Vergleich zum Aufwand gering. Die konstruktive Mathematik ist wie die klassische Mathematik nur eine geistige Welt und erleichtert daher nicht den Zugang zu dieser Disziplin.

Literatur (nicht für Laien gedacht!):

  • Michael J. Beeson. Foundations of Constructive Mathematics.
  • Erret Bishop, Douglas Bridges. Constructive Analysis.