Filmbetrachtung: Florence Foster Jenkins


Gesungen hat sie immerhin

Was für eine kleine, aber tiefsinnige und sogar hinterfotzige Geschichte! In der eitlen Einbildung, Kleider aus schönsten Stoffen zu tragen, präsentiert sich der Kaiser dem Volk, das ihn auch tüchtig bejubelt. Nur ein Kind nimmt sich die Freiheit, seinen Sinnen zu vertrauen, und sagt, was es sieht: „Der Kaiser hat ja nichts an!“ (Hans Christian Andersen: Sämtliche Märchen in zwei Bänden, Düsseldorf und Zürich 2005, S. 113)

Florence Foster Jenkins ist kein Kaiser, und nackt tritt sie auch nicht auf. Aber sie ist reich und mietet sich die Carnegie Hall, um vor vollem Hause zu singen. Nur ein Zeitungskritiker lässt sich nicht korrumpieren. Er sagt, was er hört: Diese Frau kann ja gar nicht singen.

An der Seite ihres Mannes St. Claire Bayfield, der sich ums Geschäftliche kümmert, widmet Florence ihr Leben der Musik. Seit sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Klavier spielen kann, wo sie es durchaus zur großen Karriere hätte bringen können, ist der Gesang ihr Metier. Sie gibt ihre Kunst sogar zum Besten. Aber weil das immer nur im Kreise von ihr wohlgesinnten Menschen geschieht, wird sie nicht mit der Wahrheit konfrontiert. Dass sie das selber nicht erkennt, mag daran liegen, dass sie von ihrem ersten Mann mit Syphilis angesteckt und mit Arsen und Quecksilber behandelt worden ist, was irreparable Schäden an ihrem Nervensystem hervorgerufen hat.

Als sie auf die Idee kommt, eine Schallplatte aufzunehmen, finden das alle (außer dem Aufnahmeleiter vielleicht) in Ordnung, weil ja alles in der Familie bleibt. Tut es aber nicht. Die Aufnahme gelangt ins Radio und ist sofort ein großer Erfolg, weil man meint, es mit einem ganz besonderen humoristischen Talent zu tun zu haben. Das Publikum amüsiert sich jedenfalls köstlich, was man von St. Claire nicht sagen kann. Aber es kommt noch dicker: Florence mietet die Carnegie Hall, verschenkt 1.000 Karten an Kriegsveteranen, denen sie für ihren Einsatz danken will, und am Ende ist das Haus rappelvoll, als sie ihren historischen Auftritt absolviert. Der Pianist Cosmé McMoon, der auf der Gehaltsliste von Florence steht und nach anfänglichen Zweifeln nun voll bei der Sache ist, gibt sein Bestes. Er lässt sich auch nicht beirren, als gleich nach den ersten missratenen Tönen, die Florence von sich gibt, und beim Anblick ihrer schrägen Tanzeinlagen das Lachen des Publikums durch die Halle dröhnt. Aber den anwesenden Freunden von Florence gelingt es, das Blatt zu wenden, so dass ein frenetischer Applaus diesen Auftritt beschließt. Auch die Kritiken in den Zeitungen des nächsten Tages überschlagen sich geradezu – bis auf eine. St. Claires Versuche, alle verfügbaren Exemplare aufzukaufen, haben zunächst durchaus Erfolg. Er bewegt sogar den Herausgeber dazu, diese Kritik in der Nachmittagsausgabe nicht noch einmal zu bringen. Aber in einem Papierkorb findet Florence ein Exemplar und muss abrupt der Wahrheit ins Gesicht sehen: Sie ist womöglich die schlechteste Sängerin der Welt. Das ist zuviel für sie. Gesundheitlich sowieso angeschlagen, bricht sie zusammen, und in der Nacht darauf stirbt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Man könne zwar sagen, sie könne nicht singen, meint sie, aber niemand könne sagen, sie hätte nicht gesungen. Was für ein bodenständiger Humor, der sich nach ihrem Tod noch in barer Münze bezahlt macht.

Ein schöner, ja entzückender Film. Mit nur einer kleinen Portion Pathos und voller Sympathie für die Figuren erzählt er die Geschichte der abenteuerlichen Liebe einer Frau zur Musik und die Geschichte der nicht weniger abenteuerlichen Liebe eines Mannes zu eben dieser Frau. Gerade diese wirft ein paar Fragen auf. Schließlich ist Florence kein Kind ist, das die Eltern dafür loben, dass es ein Bild gemalt hat, ohne auf die Qualität zu achten, weil sie dessen Suche nach seinen Vorlieben und Talenten fördern möchten. Aber warum bringt ein Erwachsener wie St. Claire nicht den Mut auf, eine Erwachsene wie Florence vor einer tragischen Blamage in der Carnegie Hall zu bewahren? Er war selber einmal ein glückloser Schauspieler, der sich, wie er sagt, von der „Tyrannei der Ambition“ befreit hat. Außerdem liebt er Florence. Aber liebt er nicht auch Kathleen, bei der er regelmäßig übernachtet? Natürlich: Florence duldet diese Beziehung, zumal ihre Ehe ihrer Gesundheit wegen unter dem Zeichen der Enthaltsamkeit steht. Trotzdem ist ein Dreiecksverhältnis nur ein dürftiger Liebesbeweis sowohl Florence als auch Kathleen gegenüber, die sich schließlich weigert, Teil dieses amouröses Arrangements zu sein.

Fast alle tun sich wie die Maden im Speck an Florences Geldtöpfen gütlich, und ich frage mich, von welcher Art die Tränen tatsächlich sind, die St. Claire am Totenbett seiner Frau weint. Vielleicht sind ihnen neben Trauer auch Reue und Bedauern beigemischt. Dann würde dieser Film auch noch eine moralische Geschichte erzählen.

Wenn Meryl Streep alle überragt, so ist das keine Abwertung der schauspielerischen Kunst insbesondere ihres Partners Hugh Grant. Sie nutzt nur gekonnt die in ihrer Rolle liegenden Möglichkeiten. Schon allein die wunderschöne Ausstattung ist einen Besuch wert.

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3 Kommentare zu “Filmbetrachtung: Florence Foster Jenkins

  1. sweetkoffie sagt:

    Den Film werde ich mir am Sonntag anschauen

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