Mein Verhältnis zu Erich Loest


Schon des öfteren wurde der Eindruck, wir Deutsche hätten keinen Humor, zu zerstreuen versucht. Ich versuche das natürlich auch, beschränke mich hier jedoch auf ein herzhaft-galliges „Quatsch!“. Im übrigen ist selbst der so sehr gerühmte britische Humor nicht einfach deshalb einer, weil er britisch, sondern weil er Humor ist. Alles andere wäre, um wieder einmal ein Wort zu schöpfen, ödester Humorchauvinismus. Oder muss ich wirklich Wilhelm Busch, den Vorläufer der Comics und der laufenden Bildergeschichten, den wurligen Jean Paul, der im „All“ das höchste und kühnste Wort der Sprache erkannte, E.T.A. Hoffman mit seinem Kater Murr, Robert „die Weinreinbringerin“ Gernhardt, Karikaturisten vom Schlage eines Dieter Hanitzsch, Loriot, der Wörter wie Auslegeware oder Sitzgruppe zur Hochkomik aufzubrezeln verstand, Karl Valentin (und Liesl Karlstadt), den Bert Brecht-Inspirator, und viele andere zu Zeugen aufrufen?

Muss ich natürlich nicht. Wenn ich deren Geister trotzdem beschwöre, dann um zu zeigen, dass ich tatsächlich von Humor spreche und nicht von den Hervorbringungen unsäglicher Schenkelklopfanimateure, die als Beruf „Comedian“ angeben müssen, nur weil sie fürs vorsätzliche (und grob fahrlässige) Gefeixe vor Publikum bezahlt werden und zur Aufbesserung ihres Salärs senderübergreifend auch noch als pointenspuckende Quizshow-Ratefüchse herhalten zu müssen glauben.

Einen hab‘ ich aber noch: Erich Loest. Er steht bei mir als Autor in höchstem Ansehen. In „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ hat er den eisernen Vorhang für mich ein wenig transparent gemacht und Karl May in „Swallow, mein tapferer Mustang“ ein würdiges Denkmal gesetzt. Aber er hat eben auch dem Humor wacker seine Reverenz erwiesen. Das merkt man schon in seinen frühen Kriminalgeschichten mit dem Privatdetektiv Oakins als Protagonisten oder in „Froschkonzert“, einer Satire über kleingeistige politische Intrigen in einer westdeutschen Kommune. Vor allem aber brilliert Loest als Humorist in „Die Mäuse des Dr. Ley“. Hinter diesem Titel verbergen sich die Memoiren eines gewissen Waldemar Nass, der mit sich nicht nur im Reinen, sondern, wie sich das für einen durchschnittlichen Autobiographen gehört, von sich eingenommen ist wie Bolle, Lothar Matthäus oder andere Ichlinge. Aufgrund einer verblüffenden Ähnlichkeit mit Reichsorganisationsleiter Robert Ley wird er als dessen Doppelgänger verpflichtet, weil das Original zu alkoholbedingten Aussetzern neigt, was die Nazipropaganda nun gar nicht brauchen kann.

Dieses Buch gehört zu denen, die den Literaturnobelpreis bekommen müssten, wenn das gleichnamige Komitee in Oslo auch nur ein wenig von unserem Humor haben würde. Aber wirklich. Und auch obwohl Loest, Gott sei seiner Seele gnädig, nicht mehr unter uns weilt.

Advertisements

Hier können Sie in die Diskussion einsteigen. Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s