Der Zweck von Heiligenlegenden


Ich habe mit Heiligenlegenden meine Probleme. Wie soll ich andererseits ohne sie zu meinem Namenspatron, dem heiligen Martin von Tours, in Beziehung treten, ist seine Biografie doch nur aus Legenden bekannt? Zu meinem dreißigsten Namenstag entdeckte ich zu meiner Überraschung Martins Lebensbeschreibung, die sein Schüler Sulpicius Severus verfasst hatte. Ich war erstaunt und ein wenig enttäuscht, dass Severus als literarische Form eben die mir suspekte Legende wählte. Immerhin wirkten diese Legenden realistischer als diejenigen, die ich bisher kannte. Bei Martins Wahl zum Bischof waren keine Gänse beteiligt, sondern es setzte sich – mit einem Wunder ausgeschmückt – das Kirchenvolk gegen die Opposition einflussreicher Geistlicher durch. Beim Studium dieser Lebensbeschreibung wurde mir der Zweck von Heiligenlegenden klarer; sie sind der Schmuck zu Gottes Lobpreis. Es geht nicht um eine Geschichtsschreibung – wenngleich sie sekundär auch erreicht wird –, es geht auch nicht um eine Überhöhung des Heiligen, sondern es geht um die Illustration von Gottes Taten, die jedes Begriffsvermögen übersteigen. Eine naturwissenschaftliche Aufarbeitung ist nicht möglich, also bleibt fast nur die Ausflucht in die Legende. Seit dem dreißigsten Namenstag bin ich versöhnlicher gegen die Heiligenlegenden gestimmt und finde im Gebet einen persönlicheren Weg zu meinem Namenspatron.

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2 Kommentare zu “Der Zweck von Heiligenlegenden

  1. kowkla123 sagt:

    da hab ich wieder viel gelernt von dir, schönen ersten Mai

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