Inventur der Sakramente


Ich zögere mit meinem Vorhaben. Wird es missverstanden werden als Angriff auf die Kirche? Wird man mir theologische Fehler vorhalten? Im Vertrauen auf meine Firmung wage ich, die Sakramente zu inventarisieren. Bin ich pfleglich mit diesen umgegangen? Haben die Sakramente hinzugewonnen? In Demut beginne ich die Durchsicht.

Die Taufe

Ich bin mein ganzes Leben hindurch Christ. Welche Gnade mir geschenkt wurde, kann ich kaum ermessen, kenne ich ja kein anderes Leben. Es handelt sich nicht um Undankbarkeit. Das Gnadengeschenk muss ich mir nicht verdienen und es auch nicht abbezahlen. Es ist da und wirkt Gottes Liebe.

Seltsamerweise erfahre ich von einigen eine skeptische Haltung gegenüber der Kindstaufe. Der Entscheidung eines mündigen Menschen wird eine besondere Bedeutung beigemessen. Doch was kann eine Erwachsenentaufe einer Kindstaufe hinzufügen? Es gibt nur eine Taufe, wie es nur einen Christus gibt; die Freude der Kirche ist um jeden Getauften gleich groß.

Die Buße und die Versöhnung

Bei der Beichte vor der Erstkommunion war ich zum ersten Mal auf mich gestellt. Ich hatte den Eindruck, dass die Kirche kälter verzieh als meine Eltern. Zur Vorbereitung gab es einen Beichtspiegel für Kinder. Ich war erstaunt, was alles eine Sünde sein sollte, und erschrak darüber, was es für Sünden gab. Gewissermaßen verlor ich mit dem Beichtspiegel meine Unschuld.

Das Sakrament ist wegen des vielfachen Bruchs des Beichtgeheimnisses in einem heillosen Zustand. Die bayerische Autorin Lena Christ beschreibt in ihrem autobiographischen Roman „Erinnerungen einer Überflüssigen“, wie der Pfarrer in der Sonntagspredigt leicht entschlüsselbare Anspielungen machte. Ich wurde selbst Zeuge einer Indiskretion, als der Gemeindepfarrer zur Auslegung von Ijob anführte, dass viele bei ihm ihren Zweifel beichteten. Unter diesen Umständen ist die Beichte für viele Katholiken unzumutbar. Da die Ohrenbeichte der einzige ordentliche Weg zum Sakrament der Buße und der Versöhnung ist, vertrauen sie sich dem außerordentlichen Wirken des Heiligen Geistes an.

Die Kommunion

Als Kind fand ich Messfeiern schön. Momentan tue ich mir mit der Vielzahl an Gebeten schwer. Das eigentliche Zentrum der Messfeier ist die Eucharistie; so manches liturgische Element könnte entfallen. Besonders problematisch ist die Predigt. Ich habe Geschwätz, Belehrungen und Kirchenkritik statt der Auslegung des Evangeliums gehört. Einmal hatte ich das zweifelhafte Vergnügen einer Geburtstagsrede, in der der Jubilar seine Aufsässigkeit gegenüber dem Ordinariat rühmte.

Ich habe eine Glutenunverträglichkeit und habe in meinem Leben keinen Alkohol getrunken. Darum kann ich in keiner der beiden Gestalten kommunizieren. Da sich kein Mensch das ewige Leben mit eigenen Verdiensten erwerben kann, wird am Ende aller Tage nicht die Häufigkeit des Kommunionempfangs entscheiden. Ich vertraue auf Christi Fürsprache. Die Kommunion ist das sichtbare Zeichen für die Einswerdung in Christus, nicht deren Voraussetzung.

Die Firmung

Das Sakrament der Firmung ist mir heute rätselhaft. Die Spendung war von einem feierlichen Gottesdienst begleitet. Damals war ich noch empfänglich für die Schönheit liturgischer Formen; ich ging in dem heiligen Geschehen auf. Heute verstehe ich es nicht mehr. Insoweit die ersten christlichen Gemeinden auch ihre Zweifel hatten, sind meine Unsicherheiten nicht ungewöhnlich. Die Firmung ist mein persönliches Pfingstereignis, das im Schutz des Heiligen Geistes wachsen darf.

Die Ehe

In der Liebe der Ehegatten findet die Liebe Gottes ihre Entsprechung. Christus erhob die Ehe zum Sakrament als Zeichen seiner Treue zur Kirche. Wenn so viel von den wiederverheirateten Geschiedenen die Rede ist, scheint es der Kirche an Vertrauen zu mangeln. Dass sie bis auf wenige Ausnahmen die Kommunion nicht empfangen können, schmerzt, entspricht aber der Regel für den ordentlichen Empfang. Viel Leid könnte vermieden werden, wenn Bischöfe und Priester die Regeln lehren, anstatt falsche Erwartungen zu schüren. Die Kirche sollte umgekehrt mit Vorschriften für das Eheleben vorsichtig sein; die Ehe ist ein priesterlicher Dienst.

Die Priesterweihe

Die Sukzession führt die Priester über ihre Bischöfe direkt zu den Aposteln. Insofern Petrus Jesus nach dessen Verhaftung drei Mal verleugnete, verwalten Priester ein Amt, dessen sie nicht würdig sind. In mir löst sich mein Groll auf die Priester; ein Urteil steht mir nicht zu. Die Priesterweihe ist Christi unverdientes Geschenk an sein Kirchenvolk. Durch die Vermittlung der Priester sehen die Gläubigen mit den Augen der Apostel auf Jesus Christus.

Die Krankensalbung

Wenn ich an das Ende meines Lebens denke, wird mir bang. Wird das Wenige, was von mir verlangt, aber unterlassen wurde, vor Gott ausreichen? Müsste ich in einem hedonistischen Nutzenkalkül nicht alle Anstrengungen unternehmen, das ewige Leben zu erlangen?

Im Sakrament der Krankensalbung tröstet Gott die schwer Erkrankten, damit sie im Glauben gesund bleiben. Ich selbst trage in meinem Geldbeutel eine Plakette, die ich vermutlich von meiner Oma habe. Auf ihr steht die Bitte, bei einem Unfall einen Priester zu rufen. Vielleicht spendet mir der gerufene Seelsorger in dieser Notsituation die Krankensalbung.

Unten zwei geweihte Plaketten. . Links der Heilige Bruder Konrad von Parzham (Papa, danke für deinen Hinweis!), rechts die Schwarze Madonna von Altötting.

Unten zwei geweihte Plaketten. Links der Heilige Bruder Konrad von Parzham (Papa, danke für deinen Hinweis!), rechts die Schwarze Madonna von Altötting.

Umschlag aus Plastik um die Plaketten. Daneben zum Größenvergleich ein 20-Cent-Stück.

Umschlag aus Plastik um die Plaketten. Daneben zum Größenvergleich ein 20-Cent-Stück.

Die Kirche

Christus gibt sich der Kirche als Bräutigam hin, damit sie seine Sakramente wirkt; die Kirche ist das Wurzelsakrament. Sie ist sichtbares Zeichen der heiligen katholischen Kirche. Die römisch-katholische Kirche hat den Anspruch, dieses Zeichen zu sein, ihre Glaubwürdigkeit leidet aber unter den Kirchenspaltungen. Sie muss das Heilsgeschehen in den anderen Kirchen besser verstehen und auf deren Mitwirkung an der Einheit im Glauben vertrauen.

Von besonderer Bedeutung für die Kirche ist die Mission. Die europäischen Gesellschaften marginalisieren unter dem Deckmantel der Pluralität das Christentum zur Freizeiterholung. Die Mission widersetzt sich, indem sie Christus in alle Lebensbereiche des Getauften zurückholt. Sie wirbt nicht ab und wendet keine Gewalt an, sondern überzeugt durch das eigene Beispiel. Sie befreit von den Zwängen einer säkularen Gesellschaft, die sich von Christi Liebe entfernt hat.

Die Kirche hierzulande ist mir viel zu sehr mit der Organisation sozialer Einrichtungen und der Veranstaltung spiritueller Events beschäftigt. Das können auch Ungetaufte. Nur im Glauben wird die Gabe zur Fülle, die Besinnung zum Gebet. In Europa mag die Kirche kränkeln, doch Gott wird sich erbarmen. Es werden Heilige in Europa wirken und uns zum Heiland zurückbringen. Derweil freue ich mich über die vielen neuen Gemeinden auf den anderen Kontinenten.

Christus

Wie ich auf Christus schaue, sehe ich die Sakramente intakt. Als sichtbare, in der Kirche gewirkte Zeichen haben sie ihren Ursprung in dem Sohn. Mein Unmut über die Unzulänglichkeiten ihrer Erscheinungsformen in der Welt ist getröstet, meine Liebe wird neu entfacht. Herr Jesus, schenke mir deine Gnade! Versage mir nicht deine Liebe! Zittert die Welt noch in der Kälte des Bösen, so wärme sie mit dem Blut deines hingegebenen Leibes! Gewähre uns, wie versprochen, das Leben in Fülle! Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

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7 Kommentare zu “Inventur der Sakramente

  1. Der Emil sagt:

    Das alles sind Sakramente (katholisch)? Uff.

    Aber eines interessiert mich doch: Die von Dir erwähnte Plakette würdest Du nicht eventuell einmal hier herzeigen? Oder vielleicht doch? Bitte …

    • klugwurst sagt:

      Herzlichen Dank für deine Anregung! Ich fotografierte die Plakette (genauer sind es sogar zwei) und arbeitete sie in den Artikel ein. Du kannst sie dir nun ansehen.

      • Der Emil sagt:

        Vielen Dank.

        Gut, ich bin kein Katholik (wäre aber vor 16 Jahren beinahe dem Franziskaner-Orden beigetreten). Eine Anregung ist es für mich auch, denn neben all dem anderen, was heute zu beachten ist, wäre geistlicher Beistand durch einen Pastor „auch nicht übel“ …

  2. emsemsem sagt:

    Sehr beeindruckend! Persönlich und unaufdringlich.

    Die Ehe ist tatsächlich ein priesterlicher Dienst. Schließlich sind die Eltern nach Aussage der Kirche die ersten „Apostel“ ihrer Kinder. Sie sind also gewissermaßen Bischöfe in der Familie. Die Kirche versagt insofern den Frauen nicht die priesterliche Würde. Sie behält lediglich das priesterliche Weiheamt den Männern vor, im übrigen als Amt nicht wichtiger als das der Eltern, nur anders. In dem gestern veröffentlichten Päpstlichen Schreiben zur Familiensynode findet sich übrigens der schöne Satze: „Die Kirche ist die Familie der Familien“. Die Kirche als Familie zu denken, könnte der Weg in ihre Zukunft sein…

    Ach ja, damit ich es nicht vergesse: Bruder Konrad von Parzham war Kapuzinermönch in Altötting. In seinem Kloster war er vor allem für die Pforte zuständig, sein ganzes Klosterleben lang. Dabei hat er seinen Dienst ohne Murren verrichtet, selbst wenn er nachts mehrmals rausgeklingelt worden ist. Wer mehr wissen will, gebe einfach die Stichwörter „Bruder“, „Konrad“ und „Parzham“ in die Suchmaschine seines Vertrauens.

  3. kowkla123 sagt:

    ich habe davon echt keine Ahnung, schönes Wochenende wünsche ich dir

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