Filmkritik: Mr. Holmes


Eine unglaubwürdige Illusion

Der Film ist gerade beim Abspann angekommen, das Licht wird hoch gedimmt, die Besucher erheben und strecken sich und suchen nach ihren Jacken. Da höre ich die Stimme einer Frau neben mir (meiner Frau): „Das war die Grundsteinlegung von Stonehenge.“ Womit nicht nur auf die letzte Szene angespielt, sondern der ganze Film der Lächerlichkeit preisgegeben wäre, wenn man ihn darauf reduzieren würde.

Das hat natürlich auch dieser Film nicht verdient. Dazu enthält er viel zu schöne Aufnahmen der Landschaft um Sussex, wohin sich der Meisterdetektiv aller Meisterdetektive, Sherlock Holmes, zurückgezogen hat, nachdem ihm ein Fall, den er dank seines legendären Sinns für Schlussfolgerungen souverän gelöst hat, dann doch noch aus den Händen geglitten ist. Denn die Frau, die er davor bewahrt hat, ein Kapitalverbrechen zu verüben, begeht Selbstmord.

Weitere Details der Geschichte erspare ich mir, nicht allerdings den Hinweis auf die hervorragende Darstellung des Mr. Holmes durch Ian McKellen. Es ist erstaunlich, wie grandios er den greisen Holmes sowie den jüngeren, noch agilen Holmes gibt.

Trotzdem: Die Geschichte dieses Films funktioniert nicht. Ich weigere mich in die Illusion einzusteigen, die den fiktiven Helden der Geschichten von Doyle zum realistischen Helden ummodelt und ihn damit ausradiert, was jeden weiteren Film mit ihm zu einem Widerspruch in sich macht. Die Selbstzweifel des senil gewordenen Untermieters der Baker Street 221b in London sind eben nicht die Selbstzweifel dieses Untermieters. Für Parodien ist Holmes natürlich bestens geeignet, auch kann man sein satirisches Mütchen an dieser Figur kühlen, aber ein Filmdrama, das nahe an der Tragödie angesiedelt ist, kann man aus ihr nicht herausholen. Dabei enthält der Film durchaus interessante und originelle Ansätze in dieser Richtung, etwa wenn John Watson, der Erzähler der Holmes-Geschichten vom Detektiv dafür gelobt wird, die falsche Adresse angegeben zu haben, weil ihm das die Fans vom Leibe hält.

Schon gar nicht kniet sich dieser Holmes, der nach Filmscript mit 93 Jahren bei aller körperlichen Gebrechlichkeit geistig immer noch zur alten Brillanz aufzulaufen vermag, in eine Wiese, um ein halbes Dutzend mittelkleine Gedenksteine in einem Kreis um sich anzuordnen, einen für Watson, einen für Mrs. Hudson usw., um die Zeremonie mit quasi-priesterlichen Gebärden abzuschließen, was die überaus amüsante Bemerkung meiner Frau recht treffend auf den Punkt bringt.

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