Mein Verhältnis zur Zwangsreimung


Nein, das ist kein Verschreiber. Ich rede tatsächlich von der Zwangsreimung. Ich habe dieses Wort ersonnen, weil es mir schon wegen seines verballhornenden Charakters besser gefällt als das brachiale „Reim dich oder ich fress dich“, auch wenn genau das gemeint ist.

Dabei muss ich präzisieren. Es geht nämlich nicht um irgendeine Reimform, deren es ja etliche gibt, sondern nur um den Endreim. Ich rede also hier von einem gemeinhin als Fehlverhalten gebrandmarkten dichterischen Tun, welches die Sprache nur durch Anwendung sprachlicher Gewalt in lyrische Form zu bringen vermag. Das kann durch eine verquere Satzkonstruktion geschehen, um ein zum Endreim ausersehenes Wort tatsächlich ans Versende zu platzieren, die nicht nur grammatikalischer Regel, sondern auch dem gemeinen Sprachempfinden widerspricht. Es gibt auch die Möglichkeit des rücksichtslosen Eingriffs in ein Wort, wobei insbesondere die üblichen Beugungsformen zum temporären Zweck des Endreims aus den Angeln gehoben werden. Da kann einem ein befremdlich wirkendes „pflag“ für „pflegte“ oder ein „frug“ für „fragte“ begegnen. Da hier, übrigens nicht nur bei ungeübten, sondern auch bei anerkannten Vertretern der Dichterzunft wiederum der Zweck die Mittel heiligt, könnte man die Zwangsreimung auch Zweckreimung nennen. Wer mag, soll dies tun.

Bis vor kurzem gehörte auch ich zu den Verpönern dieser Dichtungsmethode, ohne allerdings so weit zu gehen wie John Milton, der sich in „Das verlorene Paradies“ des Reimens enthielt, weil er sich dichterischer Möglichkeiten beraubt fühlte. Dass er sich aber in besagtem Poem dem Gesetz der Metrik unterordnete, wirkt insofern natürlich inkonsequent.

Das veranlasst mich, kein Werk mehr deshalb zu verpönen, weil jemand in dem glühenden Bemühen, ein Gedicht zu schöpfen, zu Mitteln greift, die in manchen Ohren so ankommen wie auf der Schultafel kreischende Kreide. Denn ich wittere Arroganz hinter solchem Verdikt.

Nebenbei: Karl Kraus bemüht ebenfalls im Zusammenhang mit dem Reim die Vokabel „Zwang“. Der „dichterisch stärkste“ ist für ihn derjenige, „der als Klang zugleich der Zwang ist, zwei Empfindungs- oder Vorstellungswelten zur Angleichung zu bringen“. Der Reim ist für ihn der „Kuss“ zweier aufeinander zustrebender Kräfte.

Genauso fühlt sich auch der Mensch zum Reim hingezogen. Es scheint so etwas wie ein lyrischer Eros in uns zu stecken, dem jeder nach seinem Vermögen huldigen kann. Ich würde jeden dazu ermutigen, zugleich natürlich vor der Schwester der Arroganz, der Einbildung, warnen. Dass jeder klein anfängt, ist als Binse geschenkt, und erst recht die Erkenntnis, dass sich nicht jeder Reimer zu einem Rilke auswächst. Dennoch hat sich niemand über die wackeligen Gehversuche eines solchen „Kleinen“ lustig zu machen oder darüber die Nase zu rümpfen. Natürlich ist schmunzeln erlaubt, weil verunglückte Gedichte wirklich komisch sein können. Aber für Überheblichkeit gibt es keinen Grund. Die ist nur schäbig. Zudem kann man sicher sein: Das meiste, was so gedichtet wird, landet über kurz oder lang sowieso irgendwo, nur nicht in der Öffentlichkeit.

„Der Reim muss bleim“: Dieses schöne zwangsgereimte Motto hat Robert Gernhardt der Menschheit geschenkt, was für mich bedeutet: Es darf (und soll) nach Herzenslust gereimt werden. Ist doch die Reimfähigkeit eine der Sprache innewohnende Begabung, die zu pflegen große Freude und sogar riesigen Spaß machen kann. Man bedenke nur, dass man reimend den Tief-, den Flach-, den Un-, den Blöd- und alle sonstigen Sinnesarten so charmant in Worte zu fassen vermag, die oft nur „des Reimes wegen“ (Christian Morgenstern) zeitlose Gültigkeit ausstrahlen. Und leichter merken kann man sich Gereimtes außerdem. Mein Lieblingskobold Pumuckl hatte schon recht, als er feststellte: „Alles, was sich reimt, ist gut.“

Insofern bricht sich in der Zwangsreimung eine anarchistische Neigung Bahn, die sich gegen ein elitäres Dichtergehabe richtet, das von der hanebüchenen Idee beseelt ist, über unser Kulturgut Sprache zu herrschen, ein Dünkel, dessen Verbreitung keine guten Rückschlüsse auf ein anderes Kulturgut zulässt: die Bildung.

Sollte man mir eines Tages der Ehrentitel „Meister des Zwangsreims“ verleihen wollen, darf man das gerne tun, sehr gerne sogar. Meine bayerische Serie „Sogd da Kini“, die an Sonn- und Feiertagen auf www.emsemsem.wordpress.de strophenweise (mit diskreter Lesehilfe für des Bayerischen Nichtmächtige) erscheint, liefert dazu Belege. Als weiteren weiteren Beleg findet man dort auch ein Gedicht, das vor wenigen Tagen zu meiner höchstpersönlichen Gaudi entstanden ist. Man kann es aber auch direkt hier anklicken.

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7 Kommentare zu “Mein Verhältnis zur Zwangsreimung

  1. kowkla123 sagt:

    alles, was reimt, muss nicht gut sein, Klaus

  2. Dein Post macht mir Mut, es vielleicht doch noch einmal mit der Dichterei zu versuchen. Ich habe das nämlich – von einigen kurzen Scherzreimen einmal abgesehen – bislang tunlichst bleiben lassen, weil’s mir vor der Zwangsreimerei so gegraust hat. 😉

    • emsemsem sagt:

      Ich erinnere mich daran, dass meine Oma jeden ihrer Briefe an mich mit Selbstgedichtetem angereichert hat. Das war gewiss keine Lyrik, die höchsten Ansprüchen genügt hätte. Aber warum sollte sie sich um diese Ansprüche scheren? Vielleicht sollte ich noch ergänzen, dass ich mit einer schriftstellerischen Erfahrung von 40 Jahren spreche, wovon die eingebildeten Fazkes unseres Literaturbetriebs so gut wie keine Notiz genommen haben. Nachdem ich man mich mit seltsamen Begründungen („Ihre Gedichte sind zu fertig“) abgespeist hatte, habe ich schon sehr bald aufgehört, mich mit unterwürfigem Gestus an Verlage zu wenden, um etwas in ihrem Verlagsprogramm unterzubringen. Das Ergebnis: Ich schreibe, weil ich Freude daran habe, eine Freude, die sich jeder gönnen kann.

      • So ein ähnliches Schicksal widerfuhr mir während vieler, vieler Jahre mit meinen Kurzgeschichten und Erzählungen. Mein Buch „Die Spanschachtel“ habe ich dann bei BoD heraus gebracht. Und schreibe inzwischen auch nur mehr aus reiner Spaß an der Freud‘, und bin auch sehr erleichtert darüber, mit dem oft seltsamen Gebaren des sogenannten Literaturbetriebs nichts zu tun zu haben. 😉

  3. emsemsem sagt:

    Ich spreche manchmal sogar von diebischer Freude, die mich in der Einsamkeit meiner Dichterstube ereilt, wenn wieder einmal ein hübscher Reim meiner Feder entsprungen ist. 😉

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