Mein Verhältnis zum Superlativ (2)


Vermutlich ist das „e“ der am häufigsten verwendete Buchstabe unseres Alphabets. Der wichtigste ist er nicht. Diese Ehre gebührt auch nicht einem Buchstaben alleine, sondern dem schmucken Pärchen „st“. Es besitzt nämlich für die Bildung des Superlativs nahezu das Monopol, und den wiederum haben sich Journalisten und Werbetexter unter den Nagel gerissen, weil sie mit ihm die uns umgebende heiße Luft ihres Schlagzeilen- und Reklamesprechs kaschieren müssen.

Der ihn entwertende bedenkenlose Dauereinsatz des Superlativs gebiert immer wieder eindrucksvolle Stilblüten und entlarvt selbst dem hinterwäldlerischsten Angehörigen unserer Sprachfamilie eine erschreckende Dumpfbackigkeit von Menschen, die mit der Produktion von Sprachfetzen Geld verdienen. So hat kürzlich eine ehemalige Perle des süddeutschen Qualitätsjournalismus versucht, auf dem schmierigen Parkett superlativischen Gewäschs eine formvollendete Pirouette hinzulegen und legte sich selber hin. Fiel es ihr doch ein, Herbert Grönemeyer meinend, vom „größten Pop-Malocher“ zu schwadronieren, als hätte der an einem in dieser Hinsicht einschlägigen Malochwettbewerb teilgenommen. Ich kann nur hoffen, dass Herr Grönemeyer wegen solch ekelerregender, seine Person betreffender Superlativigkeit mindestens stinkbeleidigt ist und mit dieser Zeitung kein Wort mehr spricht.

Ein Ei auf dem statt im Glas, noch dazu stehend, übertrifft jeden aufgeblähten Superlativ. (Foto: Bernhard Huber)

Ein Ei auf dem statt im Glas, noch dazu stehend, übertrifft jeden aufgeblähten Superlativ. (Foto: Bernhard Huber)

Die „besten Filme aller Zeiten“, die ein Fernsehsender pausenlos zu senden verspricht, regen mich da weniger auf, obwohl er nicht nur wegen Anstachelung zur unbegründeten Quotensteigerung, sondern auch wegen Hausfriedensbruch vor den Richter gezerrt gehört. Aber er richtet sich ja selbst und merkt es nicht. Vielleicht sagt es ihm mal jemand, dass sich unter den besten nicht ein guter Film befinden muss, womit wir zusehende Zielgruppe ja schon zufrieden wären.

Das gilt auch für das neue und „beste Persil aller Zeiten“, das Einlass in die heimischen Waschmaschinen begehrt. Aber wer meint, mit derlei hypertrophem Sprachgewülste unser Verbraucherherz sensibilisieren zu können, auf dass wir geradezu zwanghaft die letzten Reste unseres hart verdienten Geldes in den Renditegierschlund eines Globalkonzerns werfen, nun ja, der sollte erst einmal ein ernstestes Wörtchen mit seiner PR-Agentur wechseln. Ende der besten Glosse aller Zeiten.

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2 Kommentare zu “Mein Verhältnis zum Superlativ (2)

  1. Pyrolim sagt:

    Einspruch, Euer Ehrsten: Auf Sprache achtende Journalisten vermeiden solche Superlativismen nach Kräften, sie sind der Werbung und der PR vorbehalten. Da bestätigt eine Ausnahme wie die oben genannte nur die Regel. Den Schuh oben ziehe ich mir also nicht an, ebenso wie die Mehrheit meiner Kollegen (setze ich einfach mal voraus).

    • emsemsem sagt:

      Besten Dank für den Einspruch. Meine Beobachtung des journalistischen Sprachverhaltens ergibt leider einen anderen Befund. Ich muss allerdings einräumen, dass ich auch das unter die Kategorie „Superlativ“ einordne, was sich nicht sofort als solcher zu erkennen gibt, die „Jahrhundertflut“ etwa, der später mangels anderer Steigerungsmöglichkeit die „Jahrtausendflut“ folgen musste. Möglicherweise verführt der Wille zum Exklusiven dazu, dem Superlativ selbst dort zu frönen, wo er eigentlich nichts auszusagen hat. Es gibt auch sprachliche Kniffs, Superlative zu erzeugen. In Verbindung mit einem „wahrscheinlich“ erblickt die längste Praline der Welt das Licht derselben. Was hier für eine bekannte Werbung zutrifft, ist durchaus auch in Variation im journalistischen Sprachgebrauch anzutreffen. Umso lobenswerter, wenn Du keinen Anlass hast, diesen Schuh anzuziehen. Es mag sogar sein, dass sich auch die Mehrheit Deiner Kollegen nicht der unsachgemäßen Verbreitung des Superlativs schuldig macht. Die verbleibende Minderheit ist groß genug, dass ich mich zur Gegenwehr veranlasst sehe.

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