Mein Verhältnis zum Dialekt


Vereinfachte Zusammenfassung des Folgenden: In dieser Glosse vertrete ich die These, dass der Dialekt als Muttersprache die Basis zwischenmenschlicher Kommunikation und die Standardsprache Schriftsprache ist.

Für den Fall, dass ich mich noch nicht zu meinem Verhältnis zum Dialekt geäußert haben sollte, wird’s langsam Zeit. Sogar ich bin nicht mehr der Jüngste.

Dabei bitte ich, es mit mir als gegeben hinzunehmen, dass ich von Haus aus mit dem bayerischen Idiom ausgestattet bin. (Dem Experten fällt auf, dass ich aus Gründen der Verständlichkeit auf die Feinheit des Unterschieds von „bayerisch“ und „bairisch“ verzichte.) Auch wenn also in und aus mir ein Herz schlägt, dessen weißblaue Muttersprachlichkeit die neuronalen Verästelungen meines Geistes und die vernetzten Pfade meines Gemütes mit allem versorgt, was ein Menschenleben im Verbund mit anderen ähnlich sprechenden Menschenleben benötigt, so fühle ich tief in meiner Seele das allergrößte Einvernehmen mit allen anderen nur denkbaren Ausdrucksformen unserer deutschen Sprechfamilie, die von der, der Schriftlichkeit vorbehaltenen, Standardsprache zusammengehalten wird. Sie alle sind ja auch Eindrucksformen, die uns das zu verstehen helfen, was unsere Sinne wahrnehmen, damit wir mitteilen können, was wir mitzuteilen haben. Mit anderen Worten: Ohne den Dialekt als Herz unserer Sprache liefe das ganze kommunikative Netzwerk am Ende ins Leere.

Auch wenn das Gesagte in seiner Form dem ungeschriebenen Gebot, dem Hauptsatz möglichst nur einen einzigen Nebensatz an die Seite zu stellen, widerspricht, bleibt es so stehen. Ich rechtfertige mich mit dem Hinweis, dass mir in diesem Falle nur ausladende Schachtelsätze, wobei es ausladendere gibt, etwa bei Immanuel Kant oder Robert Walser, ermöglichen, das Wesentliche kurz zu fassen.

Wer dennoch bis hierher ausgehalten hat, soll mit einer kleinen Anekdote aus meinem Leben als Vater, der die Muttersprache des Dialekts pflegt und also auch in sein erzieherisches Programm integriert hat, belohnt werden. Als unserem Sohn bei der ärztlichen Untersuchung vor der fälligen Einschulung mit sechs Jahren das vereinfacht gezeichnete Bild einer Wäscheklammer unter die Nase gehalten wurde, antwortete er sowohl wahrheits- als auch sachgemäß sowie selbstverständlich bayerisch korrekt: „A Glubberl.“ Das hat die untersuchende Ärztin offenbar brüskiert, jedenfalls dermaßen überfordert, dass sie ihn für nicht schulreif hielt. Der Gedanke, dass umgekehrt eventuell die Schule nicht reif für ihn, den zu allen Hoffnungen berechtigenden Jungbayern, gewesen sein könnte, kam ihr gar nicht erst in den medizinischen Expertinnensinn.

Natürlich haben wir unseren Sohn trotzdem zur Schule angemeldet, und er hat sämtliche Schuljahre bis hin zum Abitur und darüber hinaus, ohne größeren Schaden anzurichten und zu erleiden, überstanden. Er war sprachlich sogar eine Bereicherung, weil er der einzige in seiner Klasse an einem Gymnasium der bayerischen Landeshauptstadt war, der „Die heilige Nacht“ von Ludwig Thoma, einem der größten bayerischen Volksschriftsteller, in der Adventszeit vorlesen konnte.

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2 Kommentare zu “Mein Verhältnis zum Dialekt

  1. In einer Mannheimer Arbeiterkneipe hat man vor etlichen Jahren meinem Bruder und mir einen gar zünftigen Rausch angehängt, wir wurden über Stunden mit Bier und geistigen Getränken frei gehalten, weil man gar sehr entzückt über unser schönes und klangvolles Bayerisch gewesen ist. 😉

  2. kowkla123 sagt:

    Dialekt ist ok, wichtiger aber ist die deutsche Sprache klar und richtig zu verstehen und zu sprechen, Klaus

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