Trennung von Sünde und Urteil


Die Kirche erneuert sich stets durch die Kraft des Gebetes, in dem der Heilige Geist wirkt. Derzeit konzentrieren sich vermutlich viele Gebete auf die Bemühungen der Bischöfe in Familienfragen, wie bei der zu Ende gegangenen außerordentlichen Synode im Vatikan.

Auch ich habe immer wieder nachgedacht und gewinne den Eindruck, dass die Diskussion um homosexuelle Paare und wiederverheiratet Geschiedene eine Themaverfehlung darstellt. Der Kirche würde es guttun, wenn sie die Sünde nicht mit einem moralischem Urteil verbinden würde. Hierzu ist die Passage im Johannesevangelium über die Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin bemerkenswert (Joh, 7,53 – 8,11). Die Pharisäer und Schriftgelehrten wollten die ertappte Frau steinigen. Sie verknüpften die Sünde mit einem moralischen Urteil. Auf die Frage nach Jesu Meinung reagierte Jesus zunächst nicht, vermutlich, weil es auf diese Frage gar nicht ankommt. Und so antwortete er erst nach wiederholter Nachfrage: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie“. Dies entkräftigte das moralische Urteil und alle gingen weg. Nachdem keiner die Frau verurteilt hatte, meinte selbst Jesus, der ohne Sünde ist: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Aus dieser Passage lässt sich sicherlich viel lernen. Jesus hat die Sünde der Frau keinesfalls relativiert. Er bezeichnete den Ehebruch indirekt als Sünde, wenn er die Frau auffordert, nicht mehr zu sündigen. Doch das Urteil darüber steht keinem Menschen zu, womöglich nicht einmal dem menschgewordenen Sohn Gottes. Hier wirkt die Gnade Gottes.

Eine Moral kennt das Christentum nicht. Moralische Wertvorstellungen sind nur dann angebracht, wenn sie uns helfen, nicht mehr zu sündigen. Ein Urteil darf aber nicht hieraus abgeleitet werden. Die vermeintlich progressiven und die vermeintlich konservativen Kräfte in der Kirche haben vermutlich beide nicht recht. Die vermeintlich progressiven relativieren das moralische Urteil und gleichzeitig die Sünde. Die vermeintlich konservativen ergänzen zur Sünde das moralische Urteil. Im Umgang mit der Sünde liegt wohl die eigentliche Ursache der Vertrauenskrise der Kirche. Durch den zumindest in der Vergangenheit praktizierten Missbrauch des Bußsakraments fliehen die Menschen die Beichtstühle und ein sachlicher Umgang mit der Sünde findet nicht mehr statt. Ich freue mich auf das nächste Jahr, wenn die ordentliche Synode sich mit dem Thema Familie beschäftigt. Vielleicht ergeben sich hieraus Impulse für das Bußsakrament.

Advertisements

4 Kommentare zu “Trennung von Sünde und Urteil

  1. Ich hoffe so sehr, daß sich eines Tages einmal nach intensivsten Forschungen und Recherchen herausstellen wird, daß der Mann namens Jesus schwul gewesen ist. Manchmal stelle ich mir das Entgleisen der Gesichtszüge hoher und höchster kirchlicher Würdenträger vor, wenn man ihnen die Richtigkeit dieser Nachricht hieb- und stichfest bestätigt – und das ist dann jedesmal ein innerlicher Höchstgenuss… Ein nicht grade unerheblicher Anteil katholischer Priester ist übrigens homosexuell…

    • klugwurst sagt:

      Das Verhältnis von Kirche und Forschung ist stets aufs Neue ein Interessantes. Zur jungfräulichen Geburt habe ich einmal folgende, vermutlich erfundene Geschichte gelesen.

      Ein britischer Forscher fand heraus, dass es in einigen seltenen Fällen zu spontanen, jungfräulichen Geburten kommt. Da die Menschheit hinreichend groß ist, fand er auch lebende Beispiele. Anstatt gegenüber dem Anglikaner misstrauisch zu sein, jubelte die katholische Geistlichkeit über den Beleg für ihr Dogma von der jungfräulichen Geburt Jesu. Doch sie freuten sich zu früh. In Ergänzung zu seinem Forschungsbericht veröffentlichte er in einem Fachjournal folgenden sachdienlichen Hinweis. Jesus von Nazareth müsse damit zwingend eine Frau gewesen sein, da dem jungfräulich geborenen Kind das Y-Chromosom fehle.

  2. kowkla123 sagt:

    Ich habe sowieso ein gespaltenes Verhältnis zu Sünde und Vergebung, ich grüße dich, Klaus

    • klugwurst sagt:

      Die große Aufmerksamkeit für die Sünde ist tatsächlich kaum zu rechtfertigen. Ein Christ wird mit der Taufe gerade von der Sünde befreit, da mit Christi Blut ein hoher Preis für uns bezahlt wurde. Nur in Zusammenhang mit der Hoffnung auf diesen Liebesdienst Gottes sollte daher von der Sünde gesprochen werden.

Hier können Sie in die Diskussion einsteigen. Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s