Mein Verhältnis zu Scharlatanen


Wie komme ich auf die Idee, ein Verhältnis zu Scharlatanen zu haben? Nun ja, ich war in einer Ausstellung von Werken Friedensreich Hundertwassers.

Scharlatan ist einer, der etwas zu sein vorgibt, was er nicht ist, und diesen Schein zu seinem Vorteil nutzt, statt ihn auszuräumen. In diesem Sinne steckt wohl in jedem etwas von einem Scharlatan. Wir bemühen uns unablässig darum, unsere beste Seite zu zeigen und die schlechteren zu unterschlagen. Bevor wir Scharlatane also verurteilen, sollten wir erst einmal zugeben: Wir gehören zu ihnen. Vielleicht wirken sie deshalb nicht ganz unsympathisch.

Nun muss ich aber meine Eingangsfrage präzisieren: Wieso komme ich bei Hundertwasser auf diese Gedanken? Ganz einfach: Er ist ein Scharlatan. Wir sollen nämlich denken, er sei ein Künstler, so wie Rembrandt, El Greco, Goya, Guardi, Picasso, Spitzweg, Dali, Klimt, Schiele und wie sie alle heißen, Künstler waren, wobei einige von ihnen ebenfalls der Scharlatanerie zugeneigt waren.

Hundertwassers Metier ist das Design, was durchaus aller Ehren wert ist. Es ist eine Kunst, nicht mehr und nicht weniger, zum täglichen Gebrauch, mit der sich auch Tassen und Kaffeedosen schmücken lassen und geschmückt werden.

Die von Hundertwasser zu verantwortenden Häuser, etwa in Wien oder Magdeburg, sollen den Eindruck erwecken, sie wären quasi direkt aus der Natur genommen, ja sie wären Natur und nichts als Natur. Aber selbstverständlich müssen auch sie, selbst wenn es in ihnen keine Ecken und nur wellige Böden gibt (weshalb sie sich kaum für Menschen, die auf Gehhilfen angewiesen sind, eignen dürften), nach allen Regeln der Architektur geplant und berechnet werden. Sie würden sonst unweigerlich in sich zusammenkrachen. Ein Hundertwasser-Haus vermittelt das sumpfige Gefühl, das einen beschleicht, wenn man die abgewetzten Treppenstufen eines alten Kirchturms hochsteigen muss.

Hundertwassers Attacke auf die gerade Linie ist der deutlichste Hinweis darauf, dass es ihm um die Form und nicht um Inhalte geht. Seine Begründung: Sie sei in der Natur nicht anzutreffen. Als ob das jemand behaupten würde, als ob Kunst Natur wäre. Seine Rebellion gegen die Gerade ist reine Attitüde. Die Gerade ist als geometrische eine geistige Größe und wird in der Realität nur nachgebildet, oft mithilfe eines Lineals. Die gezeichneten Geraden sind das sinnenfällige Symbol für die geistige Realität der Geraden. Hundertwassers künstlerisches Programm ist die Fläche, die Oberfläche.

Trotzdem: Er ist einer der berühmtesten Künstler. Ich gebe zu, dass auch ich seine Sachen gerne sehe. Seine Kunst erfreut das Auge mit ansprechenden Farben und wuseligen Schnörkeln. Sie ist abstrakt mit einer Prise Gegenständlichkeit, weshalb sie Alltagsgegenständen, die sie schmückt, ein modernes Flair verleiht, wofür das Publikum entsprechende Preise zu zahlen bereit ist. Ich allerdings trinke meinen Espresso lieber aus Tassen, die von einem namenlosen Künstler designt worden sind, dessen Arbeit ich auch dann zu schätzen weiß, wenn ich ihn nicht kenne. Eine Hundertwasser-Edition im Geschirrschrank wäre mir zu snobistisch.

Man sollte außerdem nicht vergessen, dass Hundertwasser ein cleverer Vermarkter ist. Er scheute sich nicht, sich der Öffentlichkeit zum Erweis seiner revoluzzerischen Naturnähe in pudelnackerter Leiblichkeit zu präsentieren, einer inszeniert-gekünstelten Pose, die ihm nicht nur diverse Schlagzeilen, sondern letztlich auch seinen Durchbruch verschaffte.

Womit ich nicht nur mein Verhältnis zu Scharlatanen, sondern auch zu Hundertwasser geklärt hätte.

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4 Kommentare zu “Mein Verhältnis zu Scharlatanen

  1. Frau Tonari sagt:

    Ob dieses ganze Merchandising nicht erst so richtig nach seinem Tode losbrach?
    Herr Klimt wird dem Gebrauch seiner Werke auf Tassen, Regenschirmen, Mousepads etc. ja wohl auch nicht zugestimmt haben. 😉

    • emsemsem sagt:

      Das mag sein. Jedenfalls hat Hundertwasser selber dafür gesorgt, dass die Auflagen von Drucken seiner Arbeit vergleichsweise hoch angesetzt wurden, damit man sich leichter „seinen Hundertwasser“ leisten konnte.

      • Frau Tonari sagt:

        Ich hab auch einen. Zur Finanzierung der Umgestaltung einer Plattenbauschule in Wittenberg gekauft. 2.303 von 5.000. Ist mir aber schnuppe, weil ich die Aktion wirklich gerne unterstützt habe.

  2. emsemsem sagt:

    Ich bin der Meinung, dass Hundertwasser sein Metier wirklich beherrscht. Seitdem ich diese Ausstellung besucht habe, ist mir nur klar geworden, dass das Design seine Kunst ist.

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