Mein Verhältnis zur Gruppe 47 und den Folgen


Mein Verhältnis zur Gruppe 47 ist ein Nichtverhältnis. Sie juckt mich überhaupt nicht. Sie hat allerdings einen viel zu großen Einfluss auf die zeitgenössische Literatur gehabt und hat ihn leider noch immer, dass ich doch etwas zu ihr sagen möchte.

Koeppen zur Ansicht. Das genügt. (Foto: Bernhard Huber)

Koeppen zur Ansicht. Das genügt. (Foto: Bernhard Huber)

Es ist mir an sich völlig wurscht, dass sich irgendwann einmal etliche nachmalige Größen zu dieser Gruppe formiert haben, um einen auf Literatur zu machen. Den Romanen von Wolfgang Koeppen kann ich nichts abgewinnen, ob er nun an den Gruppentreffen teilgenommen hat oder nicht. Ich habe drei gelesen und die Lektüre regelrecht durchlitten. Mit Heinrich Böll habe ich die interessante Erfahrung gemacht, dass mir „Ansichten eines Clowns“ beim ersten Lesen ausgesprochen gut gefallen, mich beim zweiten Mal ein paar Jahre später jedoch gelangweilt hat. (Falls es zu einer abmeraligen Lektüre kommen und mir der Roman dann wieder gefallen sollte, gebe ich Bescheid.)

Das ist alles nicht schlimm. Das gibt es. Wie sagt man so schön in Bayern: Die Katze mag Mäuse, ich nicht einmal gebraten. Was mich aber auf die Palme bringt, ist die Arroganz, die sich ausgehend von dieser Gruppe über unsere Literatur gebreitet hat. Wenn einmal irgendjemand behaupten würde, die Gruppe 47 hat der deutschsprachigen Literatur den Humor verleidet, würde ich ihm vorbehaltlos zustimmen. Der Humor brach sich natürlich trotzdem Bahn, etwa in Heinz Erhardt, Insterburg & Co., Otto Waalkes, Loriot. Oder in der Satire, die uns den liebedienerischen Katzbuckelrespekt vor Literaturgrößen, nur weil sie solche sind, ausgetrieben hat, den die Gruppe 47 aber intonierte und in eigener Weise pflegte, indem sie sich die Aura einer letztverbindlichen literarischen Instanz zulegte, aus der nicht zufällig unser „Literaturpapst“ hervorging. Wer aber je in die humorgetränkten Fußstapfen eines E.T.A. Hoffmann oder eines Jean Paul hätte treten wollen, hätte wohl kaum eine Chance gehabt. Erich Loest, dessen Werk nicht nur einen Einblick in die Gesellschaft der DDR ermöglicht, sondern der in „Froschkonzert“, „Die Mäuse des Dr. Ley“ und in seinen frühen Oakins-Romanen feinen Humor geboten hat, konnte leider nie aus dem übermächtigen Schatten der Bölls, Grassens und wie sie alle heißen treten.

Dabei soll jeder schreiben und jeder Verlag veröffentlichen, was er will. Die Gruppe 47 ging aber mit anderen Bandagen zu Werke. Autoren, die im Rahmen ihrer Treffen ihr Werk präsentierten, sahen sich einem entwürdigenden Ritual ausgesetzt. Sie durften der Kritik, die aus der Runde kam, nichts erwidern. Sie mussten sie schweigend erdulden, ertragen. Man muss sich das nur einmal vorstellen: Man wird womöglich von Angesicht zu Angesicht verrissen und darf sich nicht dazu äußern. Das ist unhöflich und unmenschlich gleichermaßen, was dem elitären Geist dieses Zirkels kein gutes Zeugnis ausstellt.

Ich habe selbst im Kreis keineswegs hochmögender Literaten erlebt, was es bedeutet, wenn ein Autor von selbstgefälligen Schnöseln regelrecht zerpflückt wird, die selber kaum über mehr als die Fähigkeit, einen Stift vernünftig halten zu können, verfügen, aber glauben, sie wären dazu befugt, Menschen fertig zu machen. Der Gedanke, dass sie möglicherweise einfach nur an einem Mangel an Hirnschmalz leiden und etwas nicht verstehen, ist solch postpubertären Rabauken, denen es in die Nase hineinregnet, so fern wie gebratene Mäuse meinem Speiseplan. Nichts rechtfertigt es, den Mut, den ein Autor aufbringen muss, wenn er, vielleicht zum ersten Mal, ein Ergebnis seines Schreibens präsentiert und mit einer Blamage rechnen muss, mit Herablassung zu quittieren. Das tut weh bis in die Haarspitzen, ihr arroganten Verweser eines immer noch zu wenig darbenden Literaturbetriebs!

Deshalb ist mein Verhältnis zur Gruppe 47 ein Nichtverhältnis. Wer will denn mit solchen Leuten schon zu tun haben?

Dass zur Gruppe 47 auch interessante Autoren wie Hans Magnus Enzensberger zählen, möchte ich nicht verschweigen. Und verzeihen tue ich es denen auch. Aber wichtiger ist mir, dass ich meinen Grant über literarische Besserwisslinge im Allgemeinen und über die Gruppe 47 im Besonderen einmal loswerde. Jetzt höre ich aber auf, damit keiner den Eindruck bekommt, mir wäre diese Gruppe doch nicht so wurscht.

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3 Kommentare zu “Mein Verhältnis zur Gruppe 47 und den Folgen

  1. kowkla123 sagt:

    danke für den Einblick in dieses Thema, liebe Grüße, Klaus

  2. Ist der Drachen nicht längst tot?

    Ich sehe diese Gruppe als historisch interessanten Ansatz der deutschen Literatur, nach 1945 wieder ein wenig auf die Beine zu kommen. Dass hierbei (teilweise massive?) Ausgrenzungen gegen ästhetisch/literarisch angeblich nicht Dazugehörige betrieben worden ist, muss man wohl als gegeben ansehen. Das hatte dann Auswirkungen bis zu Vertragsabschlüssen – klar. Nur: Ist es heute anders? Kommt heute jemand in den Literaturbetrieb hinein, der sich nicht an den flotten Präsenston und an den Komment des unpolitischen Betriebes hält? Die Gruppe 47 ist doch nur ein Ausdruck dieser Ausgrenzungsriten. Traurig ist, dass es diese Riten auch im Literaturzikus gibt, woselbst doch angeblich das aufgeklärte Bewußtsein herrscht.

    • emsemsem sagt:

      Das stimmt natürlich. Mir ist allerdings der von mir kritisierte Zusammenhang erst im Laufe der Jahre immer klarer geworden. Die Formulierung vom Ausdruck der Ausgrenzungsriten gefällt mir sehrsehr gut. Dass es heute anders ist, glaube ich natürlich auch nicht. Von mir aus kann jeder Verlag seine „Ausgrenzungsriten“ pflegen wie er will. Ich habe allerdings eine Riesenproblem mit der Attitüde des objektiven und irgendwie absolut gemeinten Bescheidwissens darüber, was ein Gedicht, einen Roman, ein Theaterstück gut macht. Das ist einfach lächerlich. Was berechtigt mich, den Daumen nach unten zu drehen, wenn jemand Perry Rhodan sagt (auch wenn ich noch keine Zeile der Reihe gelesen habe), und alle zur zackigen Habtacht-Haltung zu verdonnern, wenn jemand Franz Kafka sagt? Ich habe es schon an anderer Stelle geschrieben: ein von Herzen kommendes Gedicht des schlesischen Schwans ist mir da allemal lieber und wenn es technisch noch so vermurkst ist. Arroganz und Kunst passen nicht zusammen. (Den letzten Satz bitte streichen: Er ist irgendwie blöd.)

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