Filmkritik: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand


Man erinnert sich entfernt an Forrest Gumpp und noch entfernter an den Soldaten Schwejk. Vor allem aber: Dieser Film ist ein einziges Vergnügen.

Was tut man nicht alles für einen hübschen Roman- und jetzt Filmtitel: Man wird einhundert Jahre alt, steigt, während in der Küche die Geburtstagstorte vorbereitet wird und Familie sowie Lokalprominenz zwecks Gratulation anrollen, aus dem Fenster (es gehört zum Altenheim Malmköping) und verschwindet. Einfach so. Man kann noch nicht einmal sagen, aus Übermut, sondern, wie gesagt, einfach nur so. Aber auch sonst weist Allan Karlssons Leben manche Besonderheiten auf. Ach was, es ist eine einzige Besonderheit. Die Nazis haben ihn, weil sie ihn für verrückt hielten und rassemäßig nicht schlau aus ihm wurden, kastriert, wodurch er sich von einer Last befreit fühlte; er hat Feste mit Franco und mit Stalin gefeiert; er hat den entscheidenden Beitrag zum Gelingen des Manhattan Projekts, also der Entwicklung der Atombombe unter dem Physiker J. R. Oppenheimer geliefert; er hat im Kalten Krieg für den Osten und den Westen gleichermaßen spioniert; und er hat stets ein ausgeprägtes Faible gepflegt erstens für Explosionen aller Art und zweitens für hochprozentige Getränke, ebenfalls aller Art.

Und nun macht er sich in Pantoffeln und mit ein bisschen Geld aus dem Staub. Unterwegs kommt er umständehalber in den Besitz eines Koffers, der, wie sich später herausstellt, 50 Millionen schwedische Kronen enthält, die einer Bande halbgarer Ganoven gehören. Jedenfalls macht sie unter Anwendung nicht eben feiner Mittel Eigentumsrechte geltend, wobei jedoch ein Bandit nach dem anderen auf recht dubiose und makabre Weise Schaden an Leib und Leben nimmt. Das aber bestärkt Allan und seine Freunde, die sich ihm nebst einem Elefanten nach und nach angeschlossen haben, nur darin, keinesfalls von dem unverhofften Reichtum zu lassen. Ihr Weg führt schließlich und endlich nach Bali, wo sie prompt vom Kopf der Bande, der hier ein Luxus- und Lotterleben genießt, entdeckt werden, was sich insofern ungünstig auf ihn auswirkt, als er nun wie seine Kompagnons, und zwar im Rahmen eines seltsamen Verkehrsunfalls, von seinem Leben Abschied nehmen muss.

So viel sollte deutlich geworden sein: Dieser Film ist ein sehr komischer Film. Er ist ein einziges Vergnügen. Sein Humor wäre mit dem Etikett „schwarz“ nur unzureichend beschrieben, weil er zugleich in einer ganz eigenen Weise lässig ist. Allan Karlsson erinnert entfernt an Forrest Gumpp und noch entfernter an den Soldaten Schwejk. In all diesen Geschichten sind es die Einfältigen und die Dummen, die denen, die sich einbilden, das nicht zu sein und es deshalb ganz besonders sind, die Gunst des Schicksals voraus haben. Wenn Bauern die dicksten Kartoffeln haben, sind sie entgegen dem Sprichwort eben doch nicht die dümmsten.

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6 Kommentare zu “Filmkritik: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

  1. Ich habe den Roman mit dem allergrößten Vergnügen förmlich verschlungen, ich kann mich nicht entsinnen, jemals ein so schräges, skurriles Buch voll rabenschwarzem Humor und überraschenden Wendungen gelesen zu haben. Vor dem Film scheue ich ein wenig zurück, weil das Umsetzen eines Romanstoffs in bewegte Bilder zumeist ein wenig enttäuschend ist…

    • emsemsem sagt:

      Ich verstehe Deine Sorge. Das Verhältnis zwischen Film und Vorlage ist ja immer problematisch. Es gibt aber gelungenen filmischen Adaptionen. Ich denke da etwa an die Don Camillos-Filme mit Fernandel. Oder an „Monsignore Quijote“ mit Alec Guiness in der Hauptrolle. Der Film, auf den ich zappenderweise gestoßen bin, basiert auf einem wundervollen Roman von Graham Greene, der einer seits an Don Camillo erinnert, vor allem aber von Cervantes‘ Ritter Don Quijote inspiriert ist. Mit dem Unterschied, dass er in Franco-Spanien spielt. Ich jedenfalls stehe nun vor der umgekehrten Frage, ob ich das Buch lesen soll.

  2. kowkla123 sagt:

    ist mir nicht bekannt, werde es nachholen, ich wünsche dir ein gutes Wochenende, Klaus

  3. Papageno sagt:

    Ich bin neugierig. Ich kenne das Buch nicht, habe aber vom Film viel gehört. Auch ein Gespräch mit dem Autor, der beim ersten Sehen des Films entsetzt war und beim dritten mal mitlachen konnte und fand: Der Film ist sehr gut gelungen! Was zuerst: Buch oder Film? Ich werde eine Münze werfen 🙂

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