Mein Verhältnis zu Julie Schrader und Friederike Kempner


Liebeswerte "Dichtinnen". Julie Schrader und Friederie Kempner

Liebeswerte „Dichtinnen“. Julie Schrader und Friederie Kempner

Um eines gleich klarzustellen: Wer sich über diese beiden Damen lustig macht, kriegt es mit mir zu tun. Sie genießen meine uneingeschränkte Wertschätzung. Dass sie verunglückte Dichterinnen (fast möchte ich sie in Anlehnung an Jean Paul „Dichtinnen“ nennen) sind, ist mir natürlich bekannt. Aber erstens werden sie bis in unsere Tage hinein verlegt und sehr gerne gelesen, jedenfalls von mir, und zweitens gilt: Jeder, der dichtet, dichtet gegen den Stumpfsinn dieser Welt, mit dem wir ja überreich gesegnet sind. Da dürfen einem poetische Regeln auch mal gestohlen bleiben.

Ich rede von Julie Schrader (1881 bis 1939), auch bekannt als „welfischer Schwan“, und von Friederike Kempner (1828 bis 1904), der man liebevoll-ironisch den Beinamen „schlesischer Schwan“ gegeben hat. Sie wussten sich Idealen verpflichtet und meinten es deshalb ehrlich. So wartet Julie Schrader, die als Bedienstete Einblick in die besseren Kreise nehmen konnte, mit erfahrungsgetränkter Gesellschaftskritik auf. Auch die Kirche bekam ihr Fett weg.

Allerdings, und das ist der Haken: Julie Schrader hat zwar durchaus geschrieben, aber einiges wurde ihr in unlauterer Absicht „zugeschrieben“, gezielt „angedichtet“, um sie bloßzustellen. Das trübt leider das Vergnügen an diesem Werk, wofür Julie Schrader natürlich nichts kann. Deshalb jedoch und weil ich es nicht mag, wenn man sich über jemanden lustig macht, sei ihr hier die Reverenz erwiesen.

Auch dem „schlesischen Schwan“ hat man in übler Absicht Gedichte unterzuschieben versucht. Trotzdem hat sich auch Friederike Kempner behauptet. Ihr eigentümliches Werk findet bis in unsere Tage hinein Verbreitung, was ich ihr schon alleine der Inbrunst wegen, mit der sie dichtete, von Herzen gönne:

O wißt ihr, was ich denke?
O nein, ihr wißt es nicht!
Wenn ich mich ganz versenke,
Dann denk‘ ich ein Gedicht!

Dennoch dichtete sie keineswegs aus der olympischen Sphäre der Musen auf die Welt herab. Die Schwachheit des Menschen klar vor Augen, versuchte sie ihm mit zwangsverreimten Versen ins Gewissen zu dichten. Doch die Gedichte geraten ihr amüsant, was sie nicht beabsichtigte. Trotzdem regen sie manches Mal auch zum Nachdenken an, was sie sehr wohl beabsichtigte:

Das Tier

Hat Er es nicht gleich uns geschaffen?
Mit gleichen Sinnen auch versehen?
Es liebt, und haßt, fühlt Weh und Freude:
Das müßt ihr ja doch zugestehen,
Daß es nicht auch französisch spricht,
Das ändert doch die Sache nicht! –

Ein besonders schönes Exemplar der Gattung Kempneriana ist das folgende Gedicht. In nur zwölf Zeilen treibt der poetische Kosmos vor dem entzückten Auge des Lesers dem unweigerlichen Chaos entgegen. Der „schlesische Schwan“ übertrötet souverän das verzweifelte Wiehern des Pegasus:

Das Wäldchen

Ein Wäldchen sich erhebt,
Sproßt fröhlich himmelan,
Ob unser eins noch lebt,
Wenn einst die Axt daran?

Man pflanzt den Berg mit Wein,
Der Muskateller bringt;
Ob wir noch lebend sein,
Wenn er im Becher blinkt?

Ein Rosenknöspchen blüht,
Und morgen auf es bricht,
Ob es mein Aug noch sieht,
Weiß Gott, ich weiß es nicht!

Also wenn man mich vor die Wahl stellte, ob ich einem eingebildeten Vorzeige-Dichter oder einem bemühten Möchtegerndichter mit redlichem Herzen den Vorzug gebe, dann wüsste ich sofort, auf wen meine Entscheidung fiele.

Anm.: Die zitierten Gedichte entstammen dem empfehlenswerten Bändchen „Kennst du das Land, wo die Lianen blühen?“. Gedichte des schlesischen Schwans, Reclams Universal-Bibliothek 18629.

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2 Kommentare zu “Mein Verhältnis zu Julie Schrader und Friederike Kempner

  1. kowkla123 sagt:

    ich kenne sie und mag sie

  2. Ich kenne sie nicht, klingt aber interessant.

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