Mein Verhältnis zu Märchen


Niemand hat es gerne, wenn ihm Märchen aufgetischt werden. Ich schon: Denn Märchen lügen nicht. Sie flunkern uns nichts vor wie ein Roman, der uns dazu verführen will, seine Fiktion für bare Münze zu nehmen.

Es war einmal: Wer diese drei schlichten Wörter hört, weiß, dass er sich auf alles Mögliche und noch viel mehr auf alles Unmögliche einstellen muss, aber auf präzise Orts- und Zeitangaben oder auf detaillierte Personenbeschreibungen weitgehend verzichten muss. Wer etwas daran auszusetzen hat, dass (wie bei Hans Christian Andersen) ein König, wenn jemand an sein Schloss klopft, persönlich das Tor öffnet, der dürfte sich im Märchenwald schnell verloren vorkommen. Wer nicht, der wird sich eines einzigartigen Vergnügens erfreuen, weil dieser Märchenwald eben ein Märchenwald ist.
Dabei ist es kaum möglich zu sagen, was ein Märchen ist. Es begegnet uns überall auf der Welt, und es begegnet uns in ungezählten Varianten. Es verbirgt sich sogar noch in Erzählungen, die vorgeben, gar keine Märchen sein zu wollen.
Für mich sind die Es war einmal-Märchen der Brüder Grimm von zentraler Bedeutung. Denn diese Märchen kommen aus dem Volk, sind ihm vom Mund weg gesammelt und niedergeschrieben worden. Diese Märchen verdanken sich also, auch wenn sie nun, den Grimms sei Dank, in Buchgestalt unterwegs sind, der Mund zu Mund-Propaganda, ohne dass sich ein Autor ausmachen ließe. Die Fantasie, die sich hier zeigt, ist einfach nur erstaunlich, vor allem auch der Humor, der es nicht zuletzt für Erwachsene lohnenswert macht, immer mal wieder in dieser Märchensammlung zu blättern. Dass darin sogar der Dialekt, die Wurzel des Standarddeutschen, seinen Platz hat, rundet die Sache nur ab.

Hans Christian Andersen habe ich bereits erwähnt. Die Grenze zwischen Märchen und Erzählung ignorierend, schrieb er nicht nur für Kinder, sondern hatte immer auch die Erwachsenen im Auge, die den Kindern seine Geschichten nicht nur vorlesen, sondern auch Freude daran haben sollten. Ein besonderes Lob verdienen die Herausgeber seiner Werke, die sie bis heute mit den Illustrationen schmücken, die ich seit meiner Kindheit kenne. Es ist einfach nur wunderschön, sich in diesem „Kontinent an Märchen und Geschichten“ (Heinrich Detering, in: Hans Christian Andersen, Sämtliche Märchen in zwei Bänden, Düsseldorf und Zürich 2005, Nachwort) zu bewegen und zu erleben, wie die Erinnerungen an die Kindheit mithilfe dieser zeitlosen Illustrationen erwachen wie Blüten, die in der Sonne ihre Kelche öffnen.
Von ganz anderem Zuschnitt ist E.T.A. Hoffmann, der mit seinem „serapiontischen Prinzip“ die Welt der Fantasie überaus kunstvoll, raffiniert und geschickt mit der, ich will es so formulieren, „Welt der Welt“ verband und so einen eigenen Märchenstil kreiert hat.

Natürlich gäbe es noch viele andere Märchenerzähler zu erwähnen. Alexej Remisow beispielsweise, der uns mit seinen Märchen Einblicke in die russische Seele gewährt. Nicht zu vergessen die orientalischen Märchen, die bis hinein in das Werk von Rafik Schami ihre Spuren hinterlassen haben. Ein Schlenkerer in die Welt der Sagen und Legenden wäre auch lohnend gewesen, und hier wäre man auf die volkstümlichen Faust-Erzählungen gestoßen (die leider vom Goetheschen Faust weitgehend verdrängt worden sind) oder auf Rübezahl. Auch einem Till Eulenspiegel hätte man die Aufwartung machen können, der den Belgier Charles de Coster zu einem Romanhelden mit politischer Zielsetzung inspirierte. Insgesamt hätte sich so zeigen lassen, dass ein Märchen niemals die Bodenhaftung verliert. Denn wie ich schon sagte: Märchen lügen nicht.

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8 Kommentare zu “Mein Verhältnis zu Märchen

  1. danzas sagt:

    Märchen sind etwas Wundervolles! Leider scheinen sie in der heutigen Zeit immer mehr in Vergessenheit zu geraten…

  2. Schön geschrieben, so sehe ich das auch. Ich mag Märchen sehr, sie sind wundervoll! Und auch sehr lehrreich… 🙂
    LG
    Ute

  3. Monika sagt:

    Man müsste sich mal wieder in die Welt der Märchen versetzen. Fantasy, denke ich, gehört in gewissem Maß auch dazu, allerdings etwas moderner, aber nicht alles.
    Liebe Grüße

    Monika

  4. SalvaVenia sagt:

    Ohne Märchen fehlt dem Menschen etwas.

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