Mein Verhältnis zu Humphry Clinkers Reise


Man kann erkennen, dass ich diesen Roman nicht nur gelesen, sondern auch gut behandelt habe. (Foto: Bernhard Huber)

Man kann erkennen, dass ich diesen Roman nicht nur gelesen, sondern auch gut behandelt habe. (Foto: Bernhard Huber)

Wenn jemand eines Tages auf die unsinnige Idee verfiele, die Literatur nach dem zweifelhaften Vorbild der Musik in U(nterhaltung) und E(rnst) zu unterteilen, so zöge ich selbstverständlich Werke der U- denjenigen der E-Literatur vor. Ich ginge noch „ausdrücklicher“ auf Distanz zu bluttriefenden Epen wie dem „Nibelungenlied“ oder der „Odyssee“, und mögen sie noch so sehr zum Kernbestand der abendländischen Kultur gehören. Gedichte von Heinz Erhardt oder von Wilhelm Busch liegen mir wesentlich näher als so manche unheilsschwangere Tragödie, an der sich alle Nase lang irgendein Regisseur die Zähne ausbeißt.

Jetzt aber genug. Ich möchte endlich auf „Humphry Clinkers Reise“ von Tobias Smollett zu sprechen kommen, ein Buch, das ich nach wer weiß wie vielen Jahren jüngst wieder in Händen hatte. Dieser Roman ist nicht nur ein Meilenstein der humoristischen Literatur, er sucht auch als Briefroman seinesgleichen.

Der Edelmann Matthew Bramble, ein gichtkranker Brummbär, in Wirklichkeit aber ein wahrer Menschenfreund, unternimmt in der Hoffnung auf Schmerzlinderung oder gar auf vollständige Genesung eine ausgedehnte Bäderreise durch England und Schottland. Mit dabei sind seine Nichte Lydia und sein Neffe Jeremy, deren beider Vormund er zu seinem Verdruss ist, seine Schwester Tabitha, über die er ebenfalls nur selten ein gutes Wort verliert, und natürlich Bedienstete. Sie alle geben sich fleißig dem Verfassen von Briefen hin, die sie an daheimgebliebene Freunde und Bekannte schicken und die in diesem Roman quasi dokumentiert werden. Es ist höchst erbaulich zu lesen, wie jeder seine Version des Geschehens zusammenfasst. Authentischer kann nicht erzählt werden, zumal sich jeder, der diesen Roman liest, still und heimlich dem Adressatenkreis zurechnen darf.

Die Briefschreiber, die natürlich ihren je eigenen Sprachstil pflegen, sind die eigentlichen Akteure, ihr Schreiben ist die Handlung des Romans. Von Humphry Clinker, obwohl der Titelheld, kann man das kurioserweise nicht behaupten. Nicht nur, dass er erst spät in Erscheinung tritt, steuert ausgerechnet er keinen Brief bei. Gleichwohl entpuppt er sich als bedeutende Figur.

Die Zeitlosigkeit dieses Juwels, das 1771 zum ersten Mal in London erschienen ist, zeigt sich insbesondere darin, dass es im Grunde, anders als etwa Werke von Jonathan Swift, keiner erläuternden und ermüdenden Anmerkungen bedarf, um es zu verstehen. Eine Lektüre, die, wie ich zu sagen pflege, der vergnügsamen Erbauung dient.

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Ein Kommentar zu “Mein Verhältnis zu Humphry Clinkers Reise

  1. kowkla123 sagt:

    danke für die Auszüge, sehr interessant, einen guten Tag wünsche ich, Klaus

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