Warum ein Sonett?


Viele Dichter versuchten und versuchen sich am Sonett. Doch was fasziniert an dieser Gedichtform mit vierzehn Zeilen?

Die Herausforderung

Zunächst gilt das Sonett als altehrwürdige Herausforderung für den ambitionierten Dichter wegen seiner gewissen Strenge. Die ersten zwei Strophen sind vierversig mit umfassenden Reimen. Es folgen zwei Terzette, die mit Reimen untereinander verbunden sind. Inhaltlich sollte das Gedicht in der ersten Strophe eine These, in der zweiten eine Antithese und in den letzten beiden Strophen die Synthese formulieren. Diese Vorgaben können verschärft und über Sonettzyklen zu komplexen Gebilden verbunden werden. Aber es gibt auch viele andere Abweichungen von der „reinen“ Form, um sein gewünschtes Thema besser zur Geltung zu bringen.

Darum ist meiner Meinung nach, das Sonett technisch nicht anspruchsvoller als jede andere lyrische Ausdrucksform, wenn man sie denn ernsthaft betreiben und zur Könnerschaft bringen will.

Kurz und präzise

Der Reiz des Sonetts liegt in meinen Augen weniger in dem verfehlten Ruf dichterischer Meisterstücke, sondern darin, kurz und präzise einen Gedanken von allen Seiten zu beleuchten oder eine Emotion in allen Schattierungen nachzuzeichnen. Und das – man erinnere sich – in lediglich vierzehn Zeilen. Diese Art schätze ich als Hobbydichter sehr, weil viel mehr als ein kurzer inspirierter Moment während einer hektischen Arbeitswoche kaum möglich ist. Dies ist zwar kein Alleinstellungsmerkmals des Sonetts, doch eine reiche Tradition ermöglicht noch zusätzliche Wirkung durch Anspielungen und Abwandlungen zu erzielen. Mein Gedicht „Übersatt“ verkürzt den üblichen fünfhebigen Jambus zu einem vierhebigen Trochäus und später sogar zu einem dreihebigen Jambus. Es behandelt mit Reimen auf englische Fachbegriffe das Internet in einer modernen, aber nicht respektlosen Weise.

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7 Kommentare zu “Warum ein Sonett?

  1. erikschueler sagt:

    Das Sonett entstand ja in der Zeit des Barocks und nach den 30 jährigen Krieg. Damals war der Fremdeinfluss auf die Sprache sehr stark und versch. Gruppierungen wollten das „deutsche“ im Wort erhalten und es zu etwas Besonderem machen und nach diesem Ordnung- ins- Chaos- bringen- Prinzips wurde auch die Dichtkunst „in Ordnung“ gebracht mithilfe des Sonetts. Die Form und der Aufbau waren sehr streng gehalten und der Inhalt war häufig nach „memento mori“ („Gedenke des Todes“) und „carpe diem“ („Nutze den Tag“) ausgerichtet, also antithetisch. Für mich eine sehr ansprechende Form des Gedichtes.

  2. kowkla123 sagt:

    das Sonett findet man doch oft noch in der etwas älteren Dichtkunst, wenn ich richtig liege, ist es heute nicht mehr so gefragt, oder? Einen schönen Sonntag wünsche ich, KLaus

    • klugwurst sagt:

      Lyrik hat allgemein einen schweren Stand in der heutigen Literatur. Gereimte Lyrik gilt als antiquiert. Damit ist das Sonett schon wegen seiner Reime nicht en vogue. Vermutlich schadet aber auch das Pathos, der um die Gedichtform historisch gewachsen ist. Das Pathos wird einem auch noch in der Schule durch die vielen Gedichtinterpretationen eingebläut. Darum plädierte ich auch in meinem Artikel für einen unverkrampften Zugang zum Sonett, bei dem jeder seine eigene Vorstellung einbringen kann.

  3. klugwurst sagt:

    Hat dies auf Klugwursts lose Blättersammlung rebloggt und kommentierte:

    Ich habe schon länger kein Sonett mehr verfasst. Intensiv habe ich mit der Gedichtform in einem Artikel auf dem Blog meiner Schwester beschäftigt.

  4. Vielen Danke für den Beitrag! Ich schreibe im Rahmen der Uni gerade eine Arbeit über die Wirkung des klassischen deutschen Sonetts und versuche, es bühnentauglich umzuformen (beispielsweise unter Verwendung eines Kreuzreimes) unter Beibehaltung einer ähnlichen Wirkung. Falls Sie die Muse haben, mir weitere Erfahrungen und Meinungen dazu mitzuteilen, schreiben Sie mir gerne eine Mail.

    Freundliche Grüße

    • klugwurst sagt:

      Zu Ihrem Vorhaben möchte ich Ihnen in jedem Fall ein gutes Gelingen wünschen.

      Wie Ihnen sicherlich bewusst ist, sind Kreuzreime eher mit dem englischen Sonett, wie es Shakespeare gepflegt hat, verbunden als mit dem deutschen. Da Shakespeare in seinen Bühnenstücken wiederum den Blankvers verwendete, hat sich mir die Frage gestellt, inwieweit die Klammerung des Reimes nicht auch durch andere Bühnentechniken ersetzt werden können.

      Für ein Bühnenstück können Sie sich neben der Form auch vom Rhythmus inspirieren lassen. Den fünfhebigen Jambus habe ich im Regelfall als eher leicht empfunden, während der Alexandriner so schwerfällig ist, dass er mit einer Zäsur unterbrochen werden muss. In Dialogform mit kurzen, dreihebigen Gesprächsfetzen könnte ein Alexandriner jedoch wiederum sehr flott werden.

      Wenn Sie in Ihrem Bühnenstück nicht gerade eine kurze Episode darstellen wollen, so müssen Sie vermutlich auf die von mir an den Sonetten geschätzte Kürze verzichten. Auch ändert sich der eher subjektive Charakter eines Gedichts auf der Bühne hin zur Darstellung eines Objektes, anhand dessen sich gegebenenfalls die Gefühlswelt erschließen lässt.

      Um mich zu wiederholen, wünsche ich Ihnen ein gutes Gelingen, mit den Bühnentechniken den Charakter eines Sonetts darzustellen.

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