Mein Verhältnis zu Schnappschüssen


Wir können die Zeit nicht anhalten, nicht konservieren. Es gibt zwar für jeden Menschen ein Außerhalb der Zeit vor und nach seinem irdischen Leben. Aber dazwischen tickt die Uhr.

Trotzdem geben wir uns irgendwie der Illusion hin, über die Zeit verfügen zu können, als ließe sie sich besitzen. Der Reiz dieser Illusion ist auch für mich übermächtig, und nur zu gern erliege ich ihm. Zumal es ein Reiz ist, der bildet. So versuche auch ich festzuhalten, was nicht festzuhalten ist. Stets trage ich ein Notizbuch mit mir, in dem ich Inspirationen des Augenblicks eintrage, und ich gehe nur selten ohne meine Digitalkamera aus dem Haus, mit der ich „Augenblicke“, wörtlich verstanden, einfange. Denn mir geht es um den wirklichen Augenblick, nicht um den gestellten. Mit anderen Worten: Schnappschüsse sind es, die mir besondere Freude bereiten.

Die Digitalkamera ist dafür das ideale Werkzeug. Manchmal denke ich, sie ist nur für mich gemacht worden. Ich besitze keine hochsensible Spiegelreflexkamera, die Profis benutzen oder ambitionierte Hobbyfotografen, sondern einen einfachen Apparat, an dem alles dran und in dem alles drin ist, was ich fürs spontane Fotografieren brauche und die ich leicht mit mir tragen, zur Not auch in die Hosentasche stecken kann. Auf eines lege ich allerdings wert: aufs Zoomen.
Natürlich weiß ich professionell gemachte Fotos zu schätzen. Es ist nur nicht meine Sache, große Vorbereitungen, die noch dazu einschlägige theoretische Kenntnisse voraussetzen, treffen zu müssen, ehe ich endlich den Auslöser drücken kann. Wenn ich dann auch noch von den Ergebnissen überrascht werde, brauche ich nicht mehr viel zu meinem Glück. Das hier wiedergegebene Foto ist ein Beispiel für das, was ich meine.

Bei einem Besuch des Olympiageländes in München beobachtete ich vom Schuttberg aus, wie die Oberfläche des Olympiasees plötzlich ein interessantes Muster zeigte, hervorgerufen von einem leichten Wind. Sofort zoomte ich mich möglichst nahe an den See heran, bis er das Bildformat komplett ausfüllte, und drückte den Auslöser, ohne auch nur zu ahnen, was ich da eigentlich fotografiert habe. Denn Bilder, die einen im wirklichen Leben beeindrucken, können als Foto fad und langweilig sein. Aber hier war das nicht der Fall, ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Die Schönheit dieses Fotos ist von einer Art, die keine Natur hervorzubringen vermag. Es hat gewissermaßen eine eigene, spezielle Natur. Doch damit nicht genug! Denn da ist ja noch die Ente, die sich rechts unten ins Bild gedrängelt hat. Die habe ich aufgrund der Entfernung zunächst gar nicht wahrgenommen, sondern erst, als ich mir das Bild daheim auf dem Computer angesehen habe. Sie erst hat das Foto zum Schnappschuss veredelt. Möge ihr und der Digitalkamera ein langes Leben beschieden sein!

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11 Kommentare zu “Mein Verhältnis zu Schnappschüssen

  1. theomix sagt:

    Irgendwie sind wir alle ein Schnappschuss.
    Das war anfangs gar nicht ernst gemeint, aber jetzt muss ich darüber nachdenken. Bei allem Schmunzeln..

    • emsemsem sagt:

      Schnappschüsse sind für mich auch Anlass zum Nachdenken. Sie zeigen mir, dass ich mich selber nicht gar so wichtig nehmen muss. Frei nach John Lennon: Das Leben passiert, während man eifrig an seinen Plänen schmiedet.
      Viele Grüße
      Emsemsem

  2. susannehaun sagt:

    Ich habe zwei Digitalkameras, eine Spiegelreflex für die Kunstfotos, die ihren Weg in meine Bücher finden und eine, die genau diese speziellen Augenblicke des Lebens festhalten, scheinbar unwichtig und doch können sie so wichtig sein und Weichen stellen.

    • emsemsem sagt:

      Diese „speziellen Augenblicke“ sind es, die einen den Blick auf das Wesentliche lehren können. Aber das muss ich Ihnen, soweit ich das nach einem Blick auf Ihre Homepage beurteilen kann, nicht sagen. Ich bin sehr beeindruckt.
      Herzliche Grüße
      Emsemsem

  3. kowkla123 sagt:

    ich habe auch eine ganz normal Digitalkamera und die macht schöne Bilder, besonders die sogenannten Schnappschüsse sind das Besonddere, manche davon bearbeute ich dann auch, das ist doch ein schönes naturbild, schönes WE, KLaus

  4. Anna-Lena sagt:

    Ich liebe Schnappschüsse und sogenannte Blitzlichter. Man kann die Zeit nicht an- oder festhalten, aber man kann sich an Augenblicksfotos erfreuen. So geht es mir und daher gehe ich auch nie ohne Kamera aus dem Haus.

    Hab einen feinen Sonntag.

    LG Anna-Lena

    • emsemsem sagt:

      Was mich am Leben fasziniert, ist die unbedingte Kraft, die in ihm wirkt. Überall, selbst in der unwegsamsten Gegend, findet sich in irgendeiner Form Leben. Schnappschüsse können ein klein wenig davon wiedergeben und sind eine Verbeugung vor dieser wundervollen Kraft.
      Herzliche Grüße

  5. […] musste sich erst als Kunstform etablieren. Zu dieser Kunstgattung hat bereits mein Autor emsemsem einen Artikel […]

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